Schattenseiten der Digitalisierung

Schattenseiten der Digitalisierung – Wer ist betroffen, wer muss handeln?

Ohne die Digitalisierung würde unsere Welt heute kaum noch funktionieren. Die Wirtschaft erkennt in der fortschreitenden Digitalisierung enorme Potenziale zur Rationalisierung, und Länder wie Estland setzen schon seit Jahren umfassende Digitalstrategien um – mit beachtlichen Erfolgen.

Dipl.Kfm. Josef Redl würdigt in seinem Beitrag die vielen Vorteile der Digitalisierung für Wirtschaft und öffentliche Verwaltung, beleuchtet jedoch auch deren Kehrseiten – sowohl für einzelne Bevölkerungsgruppen als auch für die Gesellschaft insgesamt:

Gleich zu Beginn sei vorweggenommen: Die Digitalisierung ist längst ein fester Bestandteil unseres Lebens. Sie ist aus Alltag und Beruf kaum mehr wegzudenken und wird von Wirtschaft wie Verwaltung gezielt eingesetzt, um Prozesse effizienter zu gestalten und Produktivität zu erhöhen.

Denken wir nur an das Internet: Was heute über Smartphone oder Computer erledigt werden kann, bringt den meisten von uns eine Vielzahl an Vorteilen, die vor wenigen Jahrzehnten noch unvorstellbar gewesen wären. Und durch den rasanten Fortschritt im Bereich der Künstlichen Intelligenz wird diese Entwicklung zweifellos noch einmal einen enormen Schub erfahren.

Doch es wäre ein Fehler, die gesellschaftlichen Auswirkungen der Digitalisierung zu ignorieren. Wo viel Licht ist, gibt es bekanntlich auch viel Schatten. Die Digitalisierung ist daher weit mehr als ein technisches Randthema – sie ist zu einem zentralen wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Faktor geworden, der nahezu alle Lebensbereiche berührt. Sie ist ständig präsent, beeinflusst unser Leben in unzähligen Facetten und reicht in weit mehr Bereiche hinein, als sich in einem Beitrag vollständig darstellen lässt.

Diplom-Kaufmann Josef Redl

ist eine profilierte Persönlichkeit der österreichischen Finanz- und Versicherungsbranche. Nach seinem Studium an der WU Wien war er jahrelang im Banken- und Versicherungssektor tätig, insbesondere im Bereich Marketing und Marktforschung. Redl prägte den Finanz-Marketing Verband Österreich (FMVÖ) wesentlich.

Auch aktuell ist Josef Redl als anerkannter Fachmann präsent, als Mitglied des Klubs der Wirtschaftspublizisten betrachtet er komplexe Themen bewusst interdisziplinär und möchte damit neue Lösungsansätze fördern.

INHALTSVERZEICHNIS

Brauchen wir ein Recht auf ein analoges Leben?

Schauen wir uns zunächst die Situation jener Menschen an, die von der Digitalisierung bislang kaum erreicht wurden: meist ältere Personen. Sie laufen Gefahr, durch den digitalen Wandel an den Rand der Gesellschaft gedrängt zu werden. Hinzu kommt, dass ihnen finanzielle Nachteile entstehen können, da zahlreiche Services, Preisnachlässe und Rabattaktionen inzwischen ausschließlich digital – zum Beispiel per App – verfügbar sind.

Ist man heute verloren, wenn man kein Smartphone besitzt und keinen Internetzugang hat?
Was passiert mit Menschen, die sich solche Dinge schlicht nicht leisten können? Doch selbst wer technisch ausgestattet ist, stößt häufig an Grenzen: Die Hürden für diejenigen, die sich mit digitalen Prozessen auseinandersetzen wollen, sind oftmals beträchtlich. Wer schon einmal versucht hat, sich für „ID Austria“ zu registrieren, weiß, wovon die Rede ist – ein bürokratischer Hindernislauf, der vielen den Mut raubt.

Kein Wunder also, dass das Schlagwort „Recht auf ein analoges Leben“ inzwischen auch in die politische Diskussion Einzug gehalten hat. Ob ein solcher Anspruch auf lange Sicht sinnvoll ist, bleibt fraglich. Zu glauben, dass ältere Generationen durch Ausbildungs- und Weiterbildungsangebote in zehn bis fünfzehn Jahren alles aufgeholt haben werden, ist wohl ein frommer Wunsch. Schon allein deshalb, weil sich die technologische Entwicklung unaufhörlich und in atemberaubendem Tempo weiterdreht. Ältere Menschen werden dem aktuellen Stand der Dinge höchstwahrscheinlich dauerhaft hinterherlaufen. Eine einfache Lösung für dieses Problem gibt es nicht.

Gefahr der Digitalisierung

Veränderungserschöpfung – eine wachsende Belastung

Aber sind die negativen Seiten der Digitalisierung nur ein Thema für Senior*innen? Keineswegs! Auch junge Erwachsene und Menschen mittleren Alters sind betroffen. Ihre Lebensrealität ist geprägt von beruflicher und privater „Volldigitalisierung“. Kaum ein Beruf kommt heute noch ohne digitale Tools aus – und auch im Privatleben ist eine Vielzahl von Vorgängen längst digitalisiert worden.

Oft bleibt Betroffenen keine Wahl: Wer Zeit sparen will oder – wie so oft – keine analoge Alternative mehr hat, muss notwendige Dinge online abwickeln. Das beginnt beim Onlinebanking, setzt sich bei „FinanzOnline“ fort und reicht bis zu zahlreichen weiteren digitalen Amtswegen, wie etwa die Beantragung staatlicher Förderungen – besonders während Krisenzeiten.

Doch so einfach, wie es dargestellt wird, ist das nicht immer. Viele Behörden und Unternehmen verfolgen das Ziel, Bürgerinnen und Kundinnen davon zu überzeugen, dass sie Dienstleistungen künftig weitgehend selbst erledigen. „Do it yourself“ ersetzt vielerorts den klassischen Kundendienst – mit all seinen Nachteilen für die Betroffenen.

Wer Kinder im schulpflichtigen Alter hat, erinnert sich nur ungern an die Pandemiezeit: Homeoffice und Homeschooling mussten parallel gemeistert werden, was viele Familien an ihre Grenzen brachte. Die Folge war nicht selten ein Zustand, den Soziolog*innen als „Veränderungserschöpfung“ bezeichnen. Der digitale Stress wurde zu groß, Erholung war kaum noch möglich. Gesundheitliche Probleme wie Schlafstörungen, Depressionen und Burnout nahmen zu. Besonders diese Altersgruppe ist einem hohen Risiko ausgesetzt, weil ständige Überforderung und fehlende Ruhepausen die körperliche und seelische Gesundheit stark belasten.

Digitalisierung ab dem Kindesalter: Risiken für Gehirn und Augen

Noch gravierender könnten sich die Langzeitfolgen bei Kindern und Jugendlichen auswirken. Anders als frühere Generationen verbringen sie schon von klein auf sehr viel Zeit vor Bildschirmen. Ist es heute noch ungewöhnlich, dass Dreijährige mit Smartphones spielen? Wohl kaum. Diese Entwicklung kann sich massiv auf die Gehirnentwicklung, die Aufmerksamkeitsspanne und die Konzentrationsfähigkeit auswirken. Zudem beobachten Augenärzt*innen mit Sorge, dass Kurzsichtigkeit in alarmierendem Ausmaß zunimmt.

Solange Sprachsteuerung und andere technologische Alternativen zur Bildschirmnutzung noch keine große Rolle spielen, gilt eine einfache Regel: Je kleiner der Bildschirm, desto weniger bewegen sich die Augen – und umso schädlicher ist dies.

Wie sich die Welt unserer Kinder verändert hat, ist uns allen bewusst. Doch es lohnt sich, die eindringlichen Worte des japanischen Augenarztes Dr. Kazuhiro Nakagawa zu zitieren, der in seinem Buch Augen Yoga (2017) die Folgen anschaulich beschreibt:

„Heutzutage spielen die Kinder kaum noch in der freien Natur, sondern größtenteils im Haus und selbst wenn sie einmal nach draußen gehen, führen sie ihre Videospiele weiter. Damit verbringen sie den Großteil ihrer Zeit, und Gespräche mit den Eltern werden immer seltener. Selbst wenn solche Gespräche stattfinden, sind die Kinder oft innerlich abwesend. Die Umwelt nehmen sie kaum noch wahr – weder Blumen noch Tiere noch den Sternenhimmel. Die virtuelle Welt auf dem Bildschirm nimmt sie vollkommen ein. Das hat nicht nur Auswirkungen auf ihre Persönlichkeit, sondern hemmt auch die Entwicklung ihres inneren und äußeren Sehvermögens.“

Nakagawa rät, Kinder wieder für die Natur zu begeistern und ihnen faszinierende Erlebnisse außerhalb der digitalen Welt zu ermöglichen. Denn übermäßige Bildschirmnutzung kann zu ernsthaften Sehproblemen führen.

Der Arzt macht zudem auf weitere Zusammenhänge aufmerksam: Häufig gehen Sehschwächen mit Nackenverspannungen einher, die die Durchblutung von Gehirn und Augen einschränken. Wissenschaftliche Studien belegen, dass die Blutversorgung des Gehirns dadurch um bis zu drei Viertel sinken kann – mit gravierenden Folgen für die Leistungsfähigkeit.

Ein zusätzliches Problem stellt die LED-Hintergrundbeleuchtung vieler Bildschirme dar: Das blaue Licht dieser Technologie belastet die Augen erheblich stärker als Sonnenlicht und steht in Verdacht, die gefürchtete Makuladegeneration zu begünstigen.

Doch was können wir tun?
Fachleute empfehlen, die tägliche Bildschirmzeit von Kindern deutlich zu begrenzen und ihnen stattdessen zwei bis drei Stunden Aufenthalt im Freien zu ermöglichen. Länder wie Australien zeigen, dass sich dadurch die Augengesundheit deutlich verbessern lässt. Das in immer mehr Ländern umgesetzte Handyverbot an Schulen geht ebenfalls in die richtige Richtung. Österreich hinkt in dieser Hinsicht jedoch hinterher: Wichtige gesundheitspolitische Maßnahmen zum Schutz des kindlichen Sehvermögens werden bislang kaum diskutiert.

Weitere problematische Aspekte

Die Digitalisierung betrifft auch andere zentrale Bereiche, etwa den Arbeitsmarkt – ein eigenes Kapitel, das hier nicht vertieft werden kann. Ebenso drängend ist die Frage, wie mit den immensen Datenmengen umgegangen wird, die im Zuge von „Big Data“ gesammelt und von internationalen Tech-Konzernen kommerziell genutzt werden.

Zwar zeigt sich die Bevölkerung davon bislang erstaunlich unbeeindruckt. Doch sollte eines Tages ein autoritäres System wie China, das seine Bürger*innen bereits flächendeckend überwacht, Zugriff auf solche Daten erhalten, wäre der Schaden kaum absehbar. Man muss nicht in die Vergangenheit blicken, um zu erkennen, welche Gefahren für demokratische Strukturen damit verbunden sein könnten.

Fazit: Schattenseiten der Digitalisierung

Die Digitalisierung ist ein zentrales Thema – für Wirtschaft, Verwaltung, Bürgerinnen und Konsumentinnen gleichermaßen.

Doch ihre Schattenseiten dürfen nicht länger ausgeblendet werden. Politische Entscheidungsträger*innen sind gefordert, sich diesen Herausforderungen stärker als bisher zu widmen. Andernfalls drohen stille, aber tiefgreifende gesellschaftliche Verwerfungen.

Voraussetzung dafür ist ein interdisziplinäres Denken: Es gilt, Vor- und Nachteile gleichermaßen im Blick zu behalten und die Digitalisierung nicht ausschließlich unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten zu betrachten. Nur wenn wir sie in einem größeren Zusammenhang sehen, können wir unerwünschten Entwicklungen vorbeugen und bereits eingetretene Fehlentwicklungen wirksam korrigieren.

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Mag. Ulrike Ischler

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Mag. Ulrike Ischler

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