Fernweh verschwindet nicht mit dem Alter. Im Gegenteil: Gerade ab 60 wächst bei vielen der Wunsch, neue Länder und Orte zu erleben. Nicht mehr alles schnell abhaken, sondern wirklich ankommen. Eine Stadt in Ruhe entdecken. Eine Landschaft nicht nur fotografieren, sondern spüren. Vielleicht eine Reise nach Italien, ein paar Tage in den Bergen oder eine Bahnroute durch Europa.
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Gleichzeitig reist in unsern Zeiten eine neue Frage mit: Wie viel Belastung verursache ich mit meinem Urlaub? Muss es der Flug für ein verlängertes Wochenende sein? Braucht es den Mietwagen am Zielort? Und was ist von CO₂-Kompensation zu halten, die uns manchmal ein allzu gutes Gewissen verspricht?
Nachhaltig reisen heißt nicht, auf Urlaub zu verzichten. Es heißt, genauer hinzuschauen: bei der Anreise, bei der Dauer, bei der Unterkunft und bei der Art, wie wir uns vor Ort bewegen.
Gerade Menschen 60Plus haben dabei einen Vorteil: Wer zeitlich flexibler ist, kann langsamer, antizyklischer und dadurch oft auch angenehmer reisen.
INHALTSVERZEICHNIS
Nachhaltig reisen beginnt bei der Anreise
Der größte Hebel beim nachhaltigen Reisen ist meist nicht das Hotel, nicht das Frühstücksbuffet und auch nicht der Handtuchwechsel. Es ist die Anreise.
Flugreisen verursachen pro Person und Kilometer deutlich mehr CO₂ als Bahnreisen. Besonders bei Kurzstrecken fällt das stark ins Gewicht, weil Start und Landung besonders energieintensiv sind. Wer also von Wien nach Venedig, München, Zürich, Prag oder Budapest reist, sollte die Bahn ernsthaft prüfen, bevor automatisch ein Flug gebucht wird.
Das bedeutet nicht, dass Fliegen grundsätzlich verboten ist. Aber es sollte wieder eine bewusste Entscheidung für größere Distanzen sein – nicht die Standardlösung für jede Reise. Bei Strecken bis etwa 1.000 Kilometer ist die Bahn oft die bessere Wahl: ökologisch, aber häufig auch entspannter. Denn wer Anfahrt zum Flughafen, Gepäck- und Sicherheitskontrolle, Wartezeit und Transfer am Zielort mitrechnet, spart mit dem Flugzeug oft weniger Zeit als gedacht.
Im Zug beginnt der Urlaub früher. Du steigst ein, hast Platz, kannst lesen, schauen, schlafen oder einfach aus dem Fenster sehen. Der Weg wird Teil der Reise – und nicht nur ein notwendiger Aufwand.
Bahn statt Flug: Wien–Venedig als Beispiel
Ein anschauliches Beispiel ist die Strecke Wien–Venedig. Sie ist beliebt, gut erreichbar und zeigt sehr klar, wie groß der Unterschied zwischen Flugzeug und Bahn sein kann.
CO₂-Rechner wie myclimate oder EcoPassenger zeigen für vergleichbare Strecken die Größenordnung deutlich: Eine Bahnfahrt verursacht meist nur einen Bruchteil der Emissionen eines Fluges. Für Wien–Venedig können – je nach Berechnungsmethode und Auslastung – ungefähr folgende Orientierungswerte pro Person angesetzt werden:
Flugzeug: ca. 200–250 kg CO₂
PKW allein gefahren: ca. 120–150 kg CO₂
PKW mit zwei Personen: ca. 60–75 kg CO₂ pro Person
Bahn: ca. 20–30 kg CO₂
Diese Werte sind keine mathematisch exakte Einzelfallrechnung, aber sie zeigen die Größenordnung. Ein Flug kann auf dieser Strecke etwa das Acht- bis Zehnfache einer Bahnfahrt an CO2 verursachen.
Bahn statt Flug: klimafreundlich reisen – aber bitte realistisch planen
Die Bahn ist für viele europäische Strecken die bessere Wahl: deutlich klimafreundlicher, oft angenehmer. Trotzdem sollte man Bahnreisen nicht romantisieren.
Wer heute mit dem Zug durch Österreich, Deutschland oder über Grenzen hinweg unterwegs ist, muss auf Überraschungen gefasst sein. Die ÖBB liegen im europäischen Vergleich zwar gut: 2025 waren laut ÖBB 94,1 Prozent der Personenzüge pünktlich, im Fernverkehr allerdings nur 81,6 Prozent. Bei der Deutschen Bahn ist die Lage deutlich angespannter: Im ersten Halbjahr 2025 lag die Pünktlichkeit im Fernverkehr bei 63,4 Prozent.
Gerade bei längeren Strecken ist ein realistischer Blick wichtig. Ein Umstieg mit zehn Minuten Zeit klingt in der App vielleicht machbar, kann aber in der Praxis schnell zum Stress werden. Besser sind direkte Verbindungen oder großzügige Umstiegszeiten.
Auch Sitzplatzreservierungen sind keine absolute Garantie. Wenn Waggons fehlen, Züge anders gereiht werden oder eine Verbindung ausfällt, kann eine Reservierung wertlos werden.
Wer mit dem Fahrrad reist, sollte besonders sorgfältig planen. In ÖBB-Fernverkehrszügen wie Railjet, Intercity, Eurocity und Euronight gibt es reservierungspflichtige Stellplätze; wenn diese ausgebucht sind, wird kein Fahrradticket mehr angeboten. In Regionalzügen ist die Mitnahme nur möglich, wenn genügend Platz vorhanden ist – eine Reservierung ist dort nicht möglich.
Ein weiterer Punkt sind die Kosten. Gerade Nachtzüge sind komfortabel und klimafreundlich, aber nicht automatisch günstig. Schlafwagen- oder Liegewagenplätze können bei hoher Nachfrage deutlich teurer sein als ein Billigflug.
Deshalb ist die ehrlichere Empfehlung: Bahn statt Flug, wo es sinnvoll und machbar ist – aber mit guter Vorbereitung. Früh buchen, Preise vergleichen, Direktverbindungen bevorzugen, Sitzplätze reservieren, bei langen Strecken genügend Umstiegszeit einplanen und bei Nachtzügen rechtzeitig nach Angeboten suchen. Wer flexibel reisen kann, ist klar im Vorteil: unter der Woche, außerhalb der Ferien, mit einem Tag mehr Zeit und ohne enge Anschlusstermine.
Für die Strecke Wien–Venedig bleibt die Bahn ein starkes Beispiel. Sie bringt Dich direkt in die Stadt, vermeidet den Flughafenstress und verursacht wesentlich weniger CO₂ als ein Flug. Nachhaltiger Urlaub ist nicht nur eine Frage der Anreise. Wer abseits der Hochsaison nach Venedig reist, mehrere Tage bleibt und auch ruhigere Viertel wie Cannaregio, Dorsoduro oder Castello entdeckt, entlastet die Stadt mehr als jemand, der nur für wenige Stunden kommt.
Dazu passt unser Beitrag über Venedig 60Plus:
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Interrail 60Plus: Europa langsam entdecken
Bahnreisen durch Europa sind längst kein Thema mehr nur für junge Rucksacktouristen. Auch für Menschen 60Plus kann Interrail eine attraktive Möglichkeit sein, mehrere Orte zu verbinden, ohne ständig neu planen oder fliegen zu müssen.
Der Vorteil liegt nicht nur im geringeren CO₂-Ausstoß. Interrail verändert auch das Tempo. Du kannst eine Reise in Etappen denken: ein paar Tage in einer Stadt bleiben, dann weiterfahren, unterwegs einen Zwischenstopp einlegen und nicht jeden Kilometer als verlorene Zeit empfinden.
Das passt gut zu einer Lebensphase, in der viele nicht mehr in möglichst kurzer Zeit möglichst viel sehen müssen. Wer heute bewusst reist, fragt weniger: „Wie viele Ziele schaffe ich?“ Sondern eher: „Wo möchte ich wirklich Zeit verbringen?“
Mehr dazu findest Du in unserem Beitrag über Interrail 60Plus:
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Nahe Ziele entdecken
Nachhaltig reisen beginnt oft mit einer einfachen Frage: Muss es wirklich weit weg sein?
Europa bietet viele Regionen, die ohne Flugzeug erreichbar sind und trotzdem alles haben, was einen guten Urlaub ausmacht: Landschaft, Kultur, gutes Essen, Geschichte, Meer, Berge und Begegnungen.
Osttirol ist ein gutes Beispiel für einen Urlaub, der nicht auf Masse setzen muss. Die Region steht für Berge, Natur, kleine Orte, Wandern, regionale, ausgezeichnete (Gault Millau 2026 zeichnet gleich zwölf Osttiroler Restaurants mit insgesamt 28 Hauben aus) Küche und ein ruhigeres Tempo. Wer mit der Bahn anreist und vor Ort Busse, Wanderbusse, E-Bikes oder die eigenen Füße nutzt, reduziert die Umweltbelastung deutlich. Gleichzeitig entsteht ein anderer Blick auf die Region: weniger Durchfahren, mehr Wahrnehmen.
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Auch die Marken in Italien sind ein weiteres spannendes Beispiel, wenn Du Italien liebst, aber nicht die bekanntesten Hotspots wie die Toscana oder Cinque Terrae ansteuern möchtest. Die Region ist weniger überlaufen als andere italienische Ziele, bietet aber Kulturstädte, Hügellandschaften, Küste, Kulinarik und viel italienische Lebensart.
Für BestAger, die Zeit mitbringen, eignen sich solche Regionen besonders gut: Man kann länger bleiben, kleinere Orte entdecken und lokale Anbieter unterstützen.
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Nachhaltig reisen heißt auch: länger bleiben
Ein oft unterschätzter Punkt ist die Reisedauer. Je weiter die Anreise, desto länger sollte der Aufenthalt sein. Drei Tage New York sind ökologisch schwer zu rechtfertigen. Vier Wochen in Nordamerika sind immer noch emissionsintensiv, aber anders einzuordnen als mehrere kurze Fernreisen hintereinander.
Auch in Europa gilt: Zwei Wochen an einem Ort verursachen oft weniger Belastung als drei Kurztrips mit jeweils eigener An- und Abreise. Das gilt besonders dann, wenn man per Bahn ankommt und vor Ort öffentliche Verkehrsmittel nutzt.
Für Menschen 60Plus liegt hier eine echte Stärke. Wer nicht mehr an Schulferien, knappe Urlaubstage oder Wochenenden gebunden ist, kann außerhalb der Hauptsaison reisen. Im März statt im August. Unter der Woche statt am Samstag. Im Oktober statt zur stärksten Ferienzeit.
Das entlastet nicht nur die Umwelt, sondern auch die Orte selbst. Viele Destinationen leiden nicht grundsätzlich unter Gästen, sondern unter zu vielen Gästen zur gleichen Zeit. Wer antizyklisch reist, erlebt oft mehr Qualität: weniger Gedränge, bessere Preise, ruhigere Hotels und mehr Kontakt zum tatsächlichen Leben vor Ort.
Hotels, Siegel und regionale Wertschöpfung
Auch bei der Unterkunft lohnt sich ein zweiter Blick. Nachhaltige Hotels achten auf Energie- und Wasserverbrauch, Abfallvermeidung, regionale Lebensmittel, faire Arbeitsbedingungen und umweltfreundliche Mobilität. Zertifizierungen können helfen, sind aber kein Freibrief.
Orientierung bieten etwa Umweltzeichen, Biohotel-Zertifizierungen oder das EU Ecolabel. Wichtiger als ein schönes Logo ist jedoch Transparenz. Ein glaubwürdiges Hotel erklärt konkret, was es tut: Woher kommt der Strom? Gibt es regionale Lieferanten? Wird Lebensmittelverschwendung reduziert? Ist das Haus öffentlich erreichbar? Gibt es leichten Zugang zu Bahn, Bus oder Radverleih?
Nachhaltig ist auch, wenn Wertschöpfung in der Region bleibt. Das familiengeführte Hotel, die lokale Pension, der Marktbesuch, das Gasthaus mit regionaler Küche – all das macht einen Unterschied. Nicht nur ökologisch, sondern auch sozial.
CO₂-Kompensation: hilfreich, aber kein Freibrief
Viele Fluglinien und Reiseveranstalter bieten heute CO₂-Kompensation an. Man zahlt ein paar Euro zusätzlich, und damit sollen Klimaschutzprojekte finanziert werden – etwa Aufforstung, erneuerbare Energien oder Energieeffizienzmaßnahmen.
Das kann sinnvoll sein, wenn Projekte seriös, überprüfbar und langfristig wirksam sind. Anbieter wie myclimate, Climate Austria oder der Caritas Klimafonds arbeiten mit geprüften Projekten. Trotzdem bleibt ein Problem: Kompensation ersetzt keine Vermeidung.
Ein Beispiel: Ein Flug Wien–Barcelona kann je nach Flugzeugtype etwa 300–400 kg CO₂ pro Passagier verursachen. Die Kompensation kostet oft nur 10 bis 20 Euro. Das klingt bequem – und genau darin liegt die Kritik. Der Betrag spiegelt nicht den tatsächlichen ökologischen Schaden wider. Außerdem ist nicht jedes Projekt wirklich nachhaltig und transparent genug.
Deshalb gilt eine einfache Reihenfolge: vermeiden, reduzieren, erst dann kompensieren. Zuerst also fragen: Kann ich mit der Bahn fahren? Kann ich länger bleiben? Kann ich Direktflüge wählen, wenn Fliegen notwendig ist? Kann ich mehrere Termine oder Ziele bündeln, statt mehrfach zu fliegen?
Kompensation ist besser als nichts. Aber sie darf nicht zum modernen Ablasshandel werden.
Fazit: Bewusster reisen statt gar nicht reisen
Nachhaltig reisen heißt, bewusst bessere Entscheidungen zu treffen.
Vielleicht liegt der neue Luxus gerade darin, mehr Zeit zu haben. Langsamer unterwegs zu sein. Nicht jedem Trendziel hinterherzulaufen. Eine Stadt nicht in 48 Stunden „zu machen“, sondern sie wirklich zu erleben. Regionen zu wählen, die nicht unter Overtourism leiden. Und mit dem Gefühl heimzukommen, nicht nur etwas gesehen, sondern auch verantwortungsvoller gehandelt zu haben.
Gerade Menschen 60Plus bringen dafür viel mit: Reiseerfahrung, Qualitätsbewusstsein und oft die Freiheit, nicht jeden touristischen Takt mitmachen zu müssen. Wer gelassener plant, reist meist besser – und umweltfreundlicher.
Quellen
- VCÖ – Mobilität mit Zukunft
Für: Grundsatzvergleich Verkehrsmittel, Klimawirkung von Auto, Flugzeug, Bahn, Mobilität in Österreich.
Link: https://vcoe.at/
- myclimate CO₂-Rechner
Für: Flugemissionen, Reiseemissionen, Kompensationsberechnung.
Link: https://www.myclimate.org/
CO₂-Rechner: https://co2.myclimate.org/
- EcoPassenger
Für: Vergleich Bahn/Auto/Flugzeug auf konkreten europäischen Strecken.
Link: https://ecopassenger.org/bin/query.exe/en?L=vs_uic
- Umweltbundesamt Österreich
Für: offizielle österreichische Daten zu Verkehr, Emissionen, Klimawirkung.
Link: https://www.umweltbundesamt.at/
Geeignet für: Hintergrundabsicherung statt exakter Reiseberechnung.
- atmosfair Flugrechner
Für: Flugemissionen und Kompensation, kritisch etablierter Anbieter.
Link: https://www.atmosfair.de/
CO₂-Rechner: https://www.atmosfair.de/de/kompensieren/flug/
- Climate Austria
Für: österreichische CO₂-Kompensation, Klimaschutzprojekte.
Link: https://www.climateaustria.at/
- BOKU & Caritas
Für: Klimaschutzprojekte und Kompensation mit sozialem Bezug.
Link: https://xn--klimaneutralitt-elb.boku.ac.at/klimaschutzplattform/
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