Lebenswege, die zeigen: Ruhestand ist nur ein Wort.
„Sprich, damit ich dich sehe.“
Dr. Elfi Thiemer, geboren 1958 im niederösterreichischen Allentsteig, lebt seit 1978 in Wien. Die promovierte Politikwissenschafterin war als Wirtschaftsredakteurin, Gastprofessorin und schließlich – von 2002 bis 2020 – als Texterin in der Presseabteilung der Österreichischen Präsidentschaftskanzlei tätig. Dort verfasste sie Reden, Beiträge und offizielle Texte für drei österreichische Bundespräsidenten.
Ruhestand? Gar kein Thema. Elfi ist heute freitätig, schreibt, moderiert, organisiert, hält Vorträge und analysiert das politische und gesellschaftliche Geschehen mit scharfem Blick, präziser Sprache und unmissverständlicher Haltung – und mit spürbarer Freude.
Im Interview sprechen wir über gesellschaftliche Wertschätzung jenseits der 50, über neue Identitäten nach dem Berufsleben, über politische Verantwortung – und darüber, wie Worte Brücken bauen können: zwischen Lebenswelten, zwischen Generationen, zwischen „noch mitten im Leben“ und „nicht mehr ganz jung“.
„Sprich, damit ich dich sehe“ (inspiriert von Sokrates)
Dieses Zitat aus der Antike bedeutet sinngemäß: Wer spricht, zeigt sich als Mensch – seine Gedanken, seine Überlegungen, seinen Charakter und seine Haltung. Das passt perfekt zu Elfis Überzeugung, dass Worte viel mehr sind als bloße Rhetorik.
Ulrike Ischler/Wir BestAger im Gespräch mit Elfi Thiemer
Inhaltsverzeichnis
Prägung & Sprache
Wir BestAger:
Elfi, Du hast fast zwei Jahrzehnte lang viele tausende Texte – darunter auch Reden – für drei österreichischen Bundespräsidenten geschrieben: Thomas Klestil, Heinz Fischer und Alexander Van der Bellen. Welche Erfahrungen nimmst Du aus dieser Zeit mit?
Thiemer:
Die Arbeit in der Präsidentschaftskanzlei war mehr als ein Job. Sie war Berufung. Ich durfte Texte verfassen, die Menschen erreichen sollten – nicht nur politisch, sondern menschlich. Ich habe viel über Kommunikation gelernt: über ihre Wirkung, ihre Verantwortung und auch ihre Grenzen. Und ich habe mir immer die Frage gestellt: Was bewegt Menschen wirklich? Wie kannst Du sie erreichen?
Beruf, Haltung & Weiterwirken
Wir BestAger:
Du warst von 2002 bis Anfang 2020 als Vertragsbedienstete in der Präsidentschaftskanzlei tätig. Heute bietest Du Deine wertvollen Kenntnisse und Erfahrungen interessierten Menschen an. Was hat sich dadurch verändert – beruflich und gesellschaftlich?
Thiemer:
Die größte Veränderung ist die Freiheit. Ich kann mir jene Menschen, Inhalte und Projekte aussuchen, die mir am Herzen liegen. Aber gleichzeitig trägst Du auch die ganze Verantwortung. Du musst sichtbar bleiben. Und mit über 60 ist das keine Selbstverständlichkeit.
Wir BestAger:
Wir haben bei unserem ersten Treffen über das Thema gesellschaftliche Wertschätzung gesprochen. Menschen ab 50 werden oft vorschnell als „zu alt“ abgestempelt. Wie hast Du das erlebt?
Thiemer:
Ich habe das sehr konkret erlebt. Schon als ich Mitte 40 war, hieß es plötzlich: „Ihr hattet eure Chance. Jetzt sind die Jüngeren dran.“ Ohne Rücksicht auf Loyalität, Kompetenz oder Erfahrung. Das war damals ein Schock – und leider kein Einzelfall. Ich habe Menschen daran fast zerbrechen sehen. In vielen Bereichen werden Ältere systematisch ersetzt. Leider sehr oft aus reinen Kostengründen. Da geht viel an Wissen – und auch an Vertrauen – verloren.
Wir BestAger:
Was müsste sich ändern – und was können wir als BestAger selbst beitragen?
Thiemer:
Wir müssen aufhören zu warten, dass uns jemand – bitte, bitte! – wertschätzt. Es beginnt damit, dass wir sichtbar werden müssen. Sprache ist dafür ein starkes Mittel. Schon allein Begriffe wie „Überalterung“ transportieren implizit schon Abwertung. Wir brauchen neue Narrative – und vor allem: mehr Stimmen, laute Stimmen, selbstbewusste Stimmen, die sagen: „Hier sind wir! Und wir haben etwas zu bieten!“.
Alter, Identität & Engagement
Wir BestAger:
Viele suchen nach dem Berufsleben nicht nur eine neue Aufgabe, sondern auch eine neue Identität. Wie war das bei Dir?
Thiemer:
Ich musste mich selbst neu aufstellen – inhaltlich und emotional. Ich habe als Coach, Rednerin und Texterin einen neuen Weg gefunden. Heute arbeite ich persönlicher, direkter, oft im kleineren Rahmen – aber mit großer Freude.
Wir BestAger:
Du bist Jahrgang 1958 – Ruhestand ist für viele längst Realität. Was motiviert Dich, weiterhin aktiv zu bleiben?
Thiemer:
Weil ich noch etwas zu sagen habe. Und weil ich es schade fände, wenn mein Wissen einfach verschwinden würde. Ich arbeite, weil ich es kann – und weil ich es will. Und ich werde das tun, solange es geht, solange ich geistig und körperlich gesund bin. Und vor allem: solange es Menschen gibt, die mir zuhören wollen.
Gesellschaft, Politik & Verantwortung
Wir BestAger:
Du organisierst derzeit gemeinsam mit namhaften Expert:innen das Symposium „Kräfte des Alters“ am 11. September 2025 in der Industriellenvereinigung – und wirst dort auch als Speakerin auftreten. Worum geht es dabei?
Thiemer:
Es geht um die Frage, wie man das Potenzial des Alters und einer alternden Gesellschaft sichtbar macht und fördert – wissenschaftlich, gesellschaftlich, politisch. Ich möchte auch Dich, Ulrike, und Wir BestAger zu dieser Veranstaltung einladen. Denn genau dort – im Zusammenspiel von Forschung und Praxis – liegt Veränderungspotenzial.
Wir BestAger:
In gesellschaftlichen Debatten – etwa zum Thema Klima, Demokratie oder Zusammenhalt – hört man die Stimmen der älteren Generation eher selten. Warum ist das so?
Thiemer:
Ich formuliere das jetzt etwas zugespitzt. Aber viele ab 60+ sagen Sätze wie: „Wir haben lange genug gearbeitet. Wir lassen es uns jetzt gut gehen.“ So kann man denken. Aber so eine Haltung, die ich sogar verstehen kann, wird zur Bewältigung der enormen Herausforderungen – vom Klima bis zur Demokratie – nicht reichen. Andererseits erbringen unsere älteren Generationen enorme Leistungen für die Kinder- bzw. Enkelbetreuung. In aller Stille, und ohne großen Dank der Gesellschaft. Das gehört geändert!
Zukunft, Technik & KI
Wir BestAger:
Wie stehst Du als Texterin zum Thema KI? Wird sie Dein Metier verändern – oder ergänzen?
Thiemer:
Ich bin ein ganz großer Fan! Für mich ist KI – besonders ChatGPT – längst zu einem verlässlichen Gesprächspartner geworden. Ich sehe darin keine Konkurrenz, sondern Bereicherung und Inspiration. ChatGPT bringt mich auf neue Gedanken, strukturiert komplexe Inhalte, regt kreative Prozesse an – und das in einer Höflichkeit und Präzision, die man sich oft auch im echten Leben wünschen würde. Ich frage nach, fordere heraus, und erhalte Impulse, die mich weiterbringen.
Für mich ist KI nicht nur ein Werkzeug, sondern eine neue Form des Nachdenkens. Ich nutze es journalistisch – also bohrend, fragend, zweifelnd. Und ich merke: Da steckt Potenzial drin, das wir erst zu entdecken beginnen.
Wir BestAger:
Jetzt bin ich doch überrascht – ich hatte mir von einer Expertin für Sprache erwartet, dass sie KI negativ gegenübersteht – viele haben ja Angst, ersetzt zu werden.
Thiemer:
Keineswegs. Wie gesagt: ChatGPT sehe ich als Sparringpartner. Aber man sollte natürlich schon eine Menge Wissen und Erfahrung mitbringen. Sonst kann Dir ChatGPT alles mögliche erzählen. Ich bin grundsätzlich ein neugieriger, zukunftsorientierter Mensch. Ich möchte erleben, wie der menschliche Geist sich weiterentwickelt – in der Forschung, in der Technik, in der Sprache. Ich träume davon, mitzuerleben, wie wir den Mars besiedeln oder wie Pflegeroboter unser Leben als Hochbetagte erleichtern können. Technik schreckt mich nicht. Sie fasziniert mich – solange sie dem Menschen dient und sich nicht in das Gegenteil verkehrt. Aber diese Gefahr besteht ja immer.
Wir BestAger:
Als Plattform setzen wir bei Wir BestAger auf Austausch, Vernetzung und Beteiligung. Es wäre großartig, wenn du auch in unserer Plattform deine Stimme erhebst. Kannst Du Dir vorstellen, Dich einzubringen?
Thiemer:
Unbedingt. Sprache ist mein Werkzeug – und ich möchte helfen, dass unsere Generation lernt, sich offensiver, klarer und mutiger auszudrücken. Ich sehe mich als Impulsgeberin, Redencoach oder einfach als Teil eines wachsenden Netzwerks. Es ist Zeit, dass wir wieder mehr miteinander reden – und voneinander lernen.
Wir BestAger:
Liebe Elfi, danke für dieses ermutigende Gespräch. Deine Haltung, Deine Klarheit und Dein Engagement zeigen, dass es nicht darum geht, sich im Alter zurückzuziehen – sondern um das Gegenteil: sich einzubringen, Haltung zu zeigen und weiterzuwirken.
Wir BestAger würde sich sehr freuen, wenn Du Deinen reichen Erfahrungschatz in unser Netzwerk einbringst – als Partnerin im Dialog und als Stimme, die andere ermutigt, ihre eigene wiederzufinden.
Portrait Dr. Elfi Thiemer
Über Dr. Elfi Thiemer
Journalistin, Redenschreiberin, Politikwissenschaftlerin und Autorin
Dr. Elfi Thiemer ist Jahrgang 1958, lebt und arbeitet in Wien. Sie studierte Politikwissenschaft, Philosophie und Publizistik an der Universität Wien. Nach dem Studium war sie mehrere Jahre als Wirtschaftsredakteurin und Journalistin tätig. Zudem unterrichtete sie journalistisches Handwerk als Gastprofessorin an der Donau-Universität Krems.
Von 2002 bis 2020 arbeitete Dr. Thiemer im Pressebüro der österreichischen Präsidentschaftskanzlei. Dort schrieb sie Reden und Texte für drei Bundespräsidenten. Seit 2020 ist sie als selbstständige Redenschreiberin und Texterin tätig und verfasst Texte für ganz unterschiedliche Auftraggeber.
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Social Media Management, Digitale BestAger Trainerin. Ich mag es, Neues zu lernen, etwas aufzubauen. Ich mag Veränderung.
Mir ist wichtig:
▶︎ Dass BestAger den Stellenwert in der Gesellschaft einnehmen, den sie verdienen.
▶︎ Dass wir diesen Lebensabschnitt aktiv, sinnvoll und freudvoll gestalten und erleben.
▶︎ Dass wir mit ausreichend digitalem Know-how vernetzt, informiert und aktiv an der Gesellschaft teilhaben können – statt den Anschluss zu verlieren.
