Langlebigkeit (Longevity) - Was gesundes Altern wirklich fördert

Langlebigkeit (Longevity) – Was gesundes Altern wirklich fördert

Wie Genetik, Lebensstil, Gelassenheit und moderne Medizin zusammenwirken – und was wir von Hundertjährigen und den Blue Zones lernen können.

Die Menschen sind seit dem Altertum auf der Suche nach dem ewigen Leben, nach der ewigen Jugend. Wird die Wissenschaft hier jemals einen Schlüssel finden? Wie nah ist man am Geheimnis des Alterns dran?

Der Prozess des Alterns ist komplex. Sehr viele Einflussfaktoren spielen hier eine Rolle. Bekannt ist, dass der Einfluss der Genetik, also unsere Erbmerkmale, eine besondere Rolle spielen, wenn auch nicht die einzige. Genetikern ist es gelungen, etwa 150 Erbgutmerkmale zu identifizieren, die gesunde, hochbetagte Menschen von ihren Mitmenschen unterscheiden.

Zwillingsstudien zeigen allerdings, dass der Einfluss der Erbanlagen auf die Langlebigkeit nur etwa 30 % ausmacht. Die Suche nach einem „Methusalem-Gen“ ist bsiher nicht erfolgreich verlaufen. Ob Menschen tatsächlich so alt wie Methusalem werden können, nämlich 969 Jahre, ist fraglich, auch wenn dies manche Genetiker durchaus für möglich halten.

Das Teilungsvermögen unserer Körperzellen ist begrenzt. Nach maximal 40 bis 50 Teilungen ist ihr Teilungspotenzial erschöpft und eine Organregeneration also nicht mehr möglich. Auch schleichen sich mit zunehmendem Alter Fehler in die Reparaturmechanismen von entarteten Zellen ein.

INHALTSVERZEICHNIS

Dr. Peter Lechleitner
Fotocredit: Osttirol Journal

Univ.-Prof. Dr. Peter Lechleitner
war mehr als 40 Jahre als Internist und Kardiologe in Klinik, Forschung und Intensivmedizin tätig. Sein Zugang zu Gesundheit ist wissenschaftlich fundiert, kritisch gegenüber manchem Hype und zugleich offen für sinnvolle Ergänzungen mit Augenmaß.

Neben seiner medizinischen Laufbahn ist er Autor, Musiker und Maler. Aktuell schreibt er an seinem zweiten Buch „Gesundheitskompromiss – Perfektion ist der Feind des Guten: Wie Sie ohne Verlust von Lebensqualität gesund bleiben können“.

Wir freuen uns sehr, dass er sein neues Buch bei Wir BestAger vorstellt und uns außerdem ab sofort als medizinischer Experte begleitet.

Im ausführlichen Interview erfährst du mehr über den Arzt und vielseitigen Mann, auch bekannt als “Peter Doc”.

Epigenetik – wie wir unsere Gene manipulieren können

Die zuletzt entdeckten Zusammenhänge zwischen Genetik und Epigenetik (Aktivierung oder Stilllegung genetischer Programme durch äußere Einflüsse) sind faszinierend. Denn durch unser Verhalten können wir bewirken, ob Anlagen, die uns in die Wiege gelegt werden, an- oder abgeschaltet werden. Es ist also möglich, durch unseren Lebensstil unsere genetischen Anlagen zu beeinflussen. Aus diesem Grund ist es nicht egal, wie wir leben – es ist nicht alles unabänderliches Schicksal.

Lebensstil und prominente Beispiele

Eine wichtige Rolle für den Alterungsprozess spielen unser Lebensstil, die Umgebung, in der wir leben, aber auch das Glück. Doch die Rolle dieser Lebensumstände ist nur zum Teil geklärt und manchmal widersprüchlich.

Klar ist, dass Ernährung, Bewegung und der Lebensstandard eine wichtige Rolle spielen.

Jeanne Louise Calment aus Frankreich wurde als bisher ältester Mensch 122 Jahre, 5 Monate und 14 Tage alt. Die Südfranzösin war bis zu ihrem Ende geistig auffallend rege, auch wenn sie schon einige körperliche Gebrechen hatte.  Ihr Geheimnis? Obwohl sie rauchte bis sie 117 war (wenn auch nur wenig), Portwein liebte und wöchentlich fast ein Kilo Schokolade verspeiste erreichte sie das biblische Alter. Hier spielte wohl der genetische Lottogewinn die Hauptrolle. Vielleicht spielten aber auch die gefäßschützenden und moderat genossenen Inhaltstoffe von Rotwein und dunkler Schokolade, ihre Zufriedenheit und soziale Einbindung eine Rolle.

Johannes Heesters (108 Jahre): Der Entertainer blieb bis ins hohe Alter auf der Bühne. Sein   Motor war die Leidenschaft und der öffentliche Zuspruch – ein Hinweis auf die Kraft der psychischen Vitalität. Man verbrennt nicht immer, wenn man für etwas brennt.

Kirk Douglas (103 Jahre): Der Hollywood-Star überlebte einen Hubschrauberabsturz und einen schweren Schlaganfall. Bei ihm war es eine Mischung aus guter medizinischer Versorgung, unbändigen Überlebenswillen, psychischer Vitalität und moderater Lebensweise.

Der 120 Jahre alte Japaner Itsumi Shingyo, der mit 105 Jahren und nach 98 Jahren Arbeit in den Ruhestand trat, meinte, man könne nach folgendem Motto alt werden: „Sich keine Sorgen machen und alles der Sonne und Buddha überlassen.“

Alle 4 genannten „Oldtimer“ haben sich ein Leben lang moderat bewegt und waren normalgewichtig.

Blaue Zonen

Blue zones – langlebige Gemeinschaften

Der Forscher Dan Buettner identifizierte weltweit fünf Regionen, in denen Menschen signifikant häufiger 100 Jahre alt werden:

Okinawa (Japan), Sardinien (Italien), Ikaria (Griechenland), Nicoya (Costa Rica) und Loma Linda (USA).

Trotz geografischer Distanz teilen diese Menschen ähnliche Gewohnheiten:

Natürliche Bewegung: Kein Fitnessstudio, sondern Gartenarbeit und Gehen im Alltag.

Ein klarer Lebenssinn: Man steht morgens für etwas auf.

Pflanzenbasierte Ernährung: Fleisch ist eine Beilage, keine Hauptmahlzeit.

Soziale Einbindung: Einsamkeit ist in diesen Kulturen ein Fremdwort.

Auf der Insel Okinawa in Japan gibt es besonders viele alte Menschen, welche über 100 Jahre alt und rüstig sich des Lebens freuen. Diese Population war auch Gegenstand der größten und längsten Studie an Hundertjährigen. Diese Bewohner essen relativ wenig Fleisch, aber dafür viel frisches Gemüse, Soja und Fisch. Vor allem ernähren sie sich fett- und kalorienarm. Sie pflegen auch den Brauch „Hara-Hachi-Bu“, nämlich nur so viel zu essen, bis man sich zu 80 % satt fühlt.

Eine ähnliche Essensweise pflegen auch alte Menschen in Sardinien und im Kaukasus. Die Siebenten-Tags-Adventisten, Mitglieder einer Religionsgemeinschaft in den USA, leben im Durchschnitt acht Jahre länger als andere US-Amerikaner. Auch bei ihnen spielt vegetarische Kost, aber auch ein enger Familienzusammenhalt, eine wesentliche Rolle.

Manche Menschen verdanken ihre Langlebigkeit schlicht der Tatsache, dass ihr Tod nicht gemeldet wurde (wie in Griechenland) oder ihr Geburtsdatum nicht bekannt und daher geschätzt wurde.

Mehr zu den blauen Zonen findest du in diesem Beitrag: https://wir-bestager.jetzt/blaue-zonen/

Bewegung im Alter

Gesunde Charaktereigenschaften

Als Charaktereigenschaft weisen besonders alte Menschen meist ein hohes Selbstbewusstsein auf. Sie kümmern sich relativ wenig darum, was andere über sie denken. Auch wenn sie fallweise unter Stress stehen, nehmen sie vieles nicht allzu wichtig und sind fast nie fanatische Anhänger einer Ideologie. Ideologien sind etwas für Menschen ohne Rückgrat und Selbstbewusstsein (sagt der berühmte Theologe und Lebensberater Pater Anselm).

Auffallend ist, dass sehr alte Menschen kaum Neid und Missgunst kennen und vor allem anderen keinen Schaden zufügen. Sie sind schon gar nicht kriminell. Offensichtlich entsteht bei einem Verhalten, das anderen Schaden zufügt, gesundheitsschädlicher Stress, der früher oder später Krankheiten verursacht.

Soziokultureller Wandel und Lebenserwartung

Die durchschnittliche Lebenserwartung in Österreich und Deutschland liegt für einen Mann bei etwa 79 und für die Frau bei 84 Jahren. In Zentraleuropa hat sich die Lebenserwartung in den letzten 100 Jahren fast verdoppelt.
Dies haben wir dem soziokulturellen Wandel (Hygiene, Arbeitsbedingungen, Nahrungsmittel, Kühlschränke, Abwasser- und Abfallentsorgung etc.) und dem medizinischen Fortschritt zu verdanken. Bei Letzterem spielen zu 50 % Vorbeugung und zu 50 % neue medizinische Verfahren und Medikamente eine Rolle. Herz-Kreislauf- (45 %), Krebs- (25 %), Lungenerkrankungen, Unfälle und Suizide sind die wesentlichen Todesursachen. Infektionen sind in der westlichen Welt als Todesursache weniger geworden, aber in den Spitälern noch immer eine Herausforderung.

Eine Änderung unseres Lebensstils, gepaart mit einer guten medizinischen Versorgung, lässt eine Steigerung der Lebenserwartung über 90 Jahre erwarten. Die lebensverlängernde Wirkung von Kalorienrestriktion ist durch zahlreiche Tierexperimente gesichert und zeigt sich auch, wie oben angeführt, bei bestimmten Bevölkerungsgruppen, die besonders alt werden.

Die bisher ältesten Menschen wurden knapp über 120 Jahre. Dies scheint auch für die nächsten Jahre ein gewisses Limit des Altwerdens zu sein. Longevity ja – aber nicht unbegrenzt.

Gesunde Ernährung

Was bestimmt also das Alter?

Ob wir alt werden oder nicht, hängt also zusammenfassend von Anlage, Lebensstil, Lebensumständen und auch vom Glück ab. Unser Alter wird durch Vererbung, Genetik, Epigenetik (ob und wie unsere Gene an- und abgeschaltet werden), latenten Entzündungen, hormonellen Veränderungen und Veränderungen des Stoffwechsels bestimmt.

Ganz wichtig sind auch die Lebensstilfaktoren. Moderate Bewegung, Normalgewicht oder leichtes Übergewicht, Verzicht auf Zigaretten und übermäßigen Alkoholkonsum, aber auch innere Zufriedenheit abseits von Missgunst gegenüber anderen Menschen sind wichtige altersbestimmende Faktoren.

Die innere Zufriedenheit hängt mit Verzichtenkönnen, Akzeptanz des eigenen Schicksals, sinnvollen Aufgaben mit eigener Gestaltungsmöglichkeit, ausreichend sozialen Kontakten und einer intakten Familie zusammen.

Ein gewisser sozialer Status und eine gute medizinische Versorgung beeinflussen diese Umstände positiv. Sehr hohes Einkommen ist allerdings dazu nicht Voraussetzung, vielleicht sogar hinderlich.

Dass auch das Behandeln von Risikofaktoren wie Bluthochdruck und erhöhten Blutfetten im Alter von über 80 Jahren Sinn macht und lebensverlängernd wirkt, haben zahlreiche Untersuchungen ebenfalls bewiesen. So ist rechtzeitige Vorsorge auch für das Altwerden eine gute Voraussetzung.

Langlebigkeit ist also nicht Gottgegeben – wir selbst habern es zu einem guten teil in der Hand.

Anti-Aging, Biomarker und neue Forschung zur Longevity

Dr. Barzilai, ein amerikanischer Altersforscher aus New York befürwortet eine  Umwidmung von bereits für diverse Leiden bekannten Medikamenten, die möglicherweise auch Anti-Aging-Eigenschaften haben.

Ein Beispiel ist Metformin, ein häufig eingesetztes Medikament bei Diabetes. Es wird inzwischen als potenzieller universeller Schutzfaktor betrachtet. Während der COVID-Pandemie wurde beobachtet, dass Menschen mit Diabetes, die Metformin einnahmen, etwa halb so häufig ins Krankenhaus eingeliefert wurden und starben wie Menschen, die das Medikament nicht einnahmen.

Dann sind da weitere Diabetesmedikamente wie die sog. GLP-1-Rezeptoragonisten (besser unter „Abnehmspritze“ bekannt) und die sog. SGLT-2-Hemmer, die  nicht nur bei Diabetes sondern auch bei Herz-und Nierenschwäche eingesetzt werden und in klinischen Studien eine Senkung der Gesamtsterblichkeit um 40 % gezeigt haben.

Studien haben weiter gezeigt, dass ein hoher Wachstumshormonspiegel (IGF-1) nach dem 50. Lebensjahr nicht mehr nützlich -wie in jüngeren Jahren- sondern sogar schädlich ist. Im Best-Ager-Alter erreicht der menschliche Körper einen biologischen Wendepunkt. Eine Förderung des Zellwachstums in diesem Alter kann kontraproduktiv sein, was Prozesse wie Krebs begünstigen kann. Aber niedrigere Konzentrationen des insulinähnlichen Wachstumsfaktors 1 (IGF-1) veranlassen den Körper, in einen Erhaltungs- und Reparaturmodus zu wechseln. Niedrige Werte sind dann Biomarker für  Langlebigkeit. Was liegt also näher als die Andockstellen des Wachstumshormons durch Antikörper teilweise zu blockieren. Das hat im Tierversuch gut geklappt-die Tiere lebten deutlich länger.

Auch die Präzisionsmedizin spielt beim Altern eine Rolle. Durch die Analyse von Blutproteinen kann das biologische Alter einzelner Organe abgeschätzt werden und wir erfahren  wir nicht nur unser biologisches Alter, sondern auch, welches Organ überwacht werden muss.

Was Hundertjährige nicht sind

  • Hundertjährige sind keine Asketen, aber auch keine großen Esser.
  • Sie sind keine Dauerläufer, aber auch keine Stubenhocker und Nörgler.
  • Sie sind keine Neidhammeln und Missgönner.
  • Sie sind nicht arm, aber auch keine Millionäre.
  • Sie sind keine Vitaminfreaks und auch keine Abstinenzler.
  • Sie haben bei günstiger Genetik in allem ihre Mitte gefunden.


Schließlich sollte auch noch die Freiheit zum ungesunden Leben möglich sein. Wir haben Kontrolle und Zwänge genug. Wer sagt, dass langes Leben zwangsläufig erfüllt ist? Sie wissen es selbst am besten, Sie müssen selbst entscheiden.

Der Psychiater und Theologe Manfred Lütz drückt dies so aus: „Es gibt Leute, die leben nur noch vorbeugend und sterben dann gesund. Aber auch, wer gesund stirbt, ist definitiv tot. Gesundheit gilt nicht mehr als Gottesgeschenk, sondern wie alles in unserer Gesellschaft, als herstellbares Produkt: Und so rennen die Leute durch die Wälder, essen Körner und Schrecklicheres – und sterben dann doch.“

Dennoch: Ausreichend Zeit dafür zu verwenden, die eigene Gesundheit zu erhalten, ist wesentlich besser als nur Krankheiten zu behandeln. Dafür sind die besprochenen Lebensstilgewohnheiten wesentlich: Eine angemessene Ernährung, regelmäßige körperliche Aktivität, Stressmanagement sowie die Aufrechterhaltung eines erfüllten Privatebens mit stabilen sozialen Netzwerken.

Lebensfreude im Alter

Wenn ich gesund alt werden will …

Geht gar nicht: Bewegungsmangel, Rauchen, Fettleibigkeit, soziale Isolation.

Ist von Vorteil: Lebenssinn, Gelassenheit, Freiheit von Neid und Habgier, Musikgenuss, fallweiser Gesundheitscheck für Kenntnis und Einstellung der Risikofaktoren (Blutdruck, Blutfette inklusive Lp(a), Blutzucker), Dehnungs-, Kraft- und Gleichgewichtsübungen zu Hause. Powernapping (20 minütiger Mittagsschlaf), Sauna.

Geht schon: 1-2 Gläser Wein oder Bier- am besten zum Essen, leichtes Übergewicht

Ist nicht unbedingt nötig: Nahrungsergänzungsmittel, Fitness-Studio, Auto

Sollte man so gut es geht vermeiden: verarbeitete Lebensmittel, Fahrstuhl und Rolltreppe, Doktorshopping, Hitze, Unabkömmlichkeit, negative Freunde

 

Freu Dich bei Wir BestAger auf weitere Beiträge von Univ.-Prof. Dr. Peter Lechleitner, der in dieser neuen Serie zentrale Fragen zu Langlebigkeit (Longevity), Gesundheit und gutem Älterwerden verständlich und fundiert beleuchten wird.

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Mag. Ulrike Ischler

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