Klimawandel und Natur

Klimawandel und Natur – Ein persönlicher Rückblick auf acht Jahrzehnte

Unsere Erde ein Paradies – eine Leidensgeschichte

Josef Redl, Jahrgang 1945, schreibt als Autor auch für Wir BestAger über gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Entwicklungen. Der Betriebswirt war in verschiedenen Funktionen im Bank- und Versicherungsbereich tätig und mehrere Jahre in Führungspositionen beim Finanz-Marketing-Verband Österreich. Heute setzt er sich als kritischer Beobachter mit den Veränderungen unserer Gesellschaft und den großen Fragen unserer Zeit auseinander.

Josef ist zugleich ein überzeugendes Beispiel dafür, wie aktiv, aufgeschlossen, reflektiert und gesellschaftlich interessiert die dritte Lebensphase gestaltet werden kann. Er bleibt neugierig, hinterfragt Entwicklungen, bezieht Position und bringt seine Erfahrungen in aktuelle Debatten ein.

In seinem persönlichen Essay „Unsere Erde ein Paradies – eine Leidensgeschichte“ blickt Josef auf acht Jahrzehnte zurück: auf eine Kindheit in einer artenreichen südburgenländischen Landschaft, auf das Versprechen des Wirtschaftswunders, auf Fortschritt, Konsum und Wachstum – und auf die Frage, was davon unserer Erde geblieben ist.

Sein Text ist persönliche Erinnerung und gesellschaftliche Bestandsaufnahme zugleich. Auch in seinem Beitrag „Schattenseiten der Digitalisierung“ zeigt Josef Redl seinen kritischen Blick auf Entwicklungen, die unseren Alltag und unser Zusammenleben nachhaltig verändern. 

INHALTSVERZEICHNIS

Hineingeboren in meine kleine südburgenländische Welt

Rundherum nur Getier. Schwalbennester an Hausmauern und fröhliches Gezwitscher. Bläulinge und andere Schmetterlinge rund um die Pfützen nach einem Gewitter. Kaulquappen, aus denen sich Frösche mauserten, in den Wassergräben neben Feldwegen. Fische, die wir gerne gefangen hätten, aber nicht wussten wie, im kleinen Bach, der zur Raab führte.

Wiesen voller prächtiger Blumen – Hahnenfuß, Margariten, Kornblumen, Ziegenbart, Pechnelken, Wiesenschaumkraut, Rauchfangkehrer und das seltene Knabenkraut – soweit das Auge reichte.

Grillen, die im Gras um die Wette zirpten. Selbst Laubfrösche, Feuersalamander, Uhus und Hirschkäfer kreuzten unsere Wege, wenn auch nicht jeden Tag. Igel fast Schritt auf Tritt. Angst vor Füchsen und Raubvögeln bei Hühnern und Gänsen.

Beim Umpflügen der Felder aufgescheuchte Schlangen, die uns in Angst und Schrecken versetzten. Mäusenester, die durch das Ackern an die Oberfläche kamen. Kleine, von ihren geflüchteten Eltern verlassene und gefährdete Hasen. Bremsen und Fliegen, die die Kühe quälten. Kröten, bei der Getreideernte nur langsam auf der Flucht vor der Sense. Bienen, Wespen, die uns stachen, und Hornissen, die wir fürchteten.

Aber überall Vogelgezwitscher, Labsal für die Ohren. Maikäfer in Massen. Und an warmen Sommerabenden funkelnde Leuchtkäfer, an denen wir uns erfreuten.

Was gibt es Schöneres als eine Kindheit in der Natur? Die Erde ein Paradies!

Als ich in diesem Biotop heranwuchs

Unvergessliche und geliebte Lehrerin, Freude am Schreiben, Lesen und Rechnen, Ausflüge in Wald und Feld, Blumen, Sträucher und Bäume erklärt.

Barfuß in die Schule, barfuß aber auch aufs Feld. Mühsames und endloses Arbeiten, vom Anbauen bis zur Ernte, ob Heu, Getreide, Kartoffeln, Kukuruz oder Rüben. Kühe weiden statt Fußball spielen, solange das Gras grün war.

Dann erstes Auto im Dorf und erster Fernseher beim Ortswirt. „Die Serengeti darf nicht sterben“ am Sonntag-Nachmittag und manchmal auch die Löwinger Bühne am Abend mit den Erwachsenen.

Öfter einmal zur Maiandacht in die Pfarrgemeinde – schon wegen der Mädchen auf dem Heimweg in der Dämmerung?
Noch aufregender: aus Chicago eintreffende Pakete von Onkel und Tante, den „reichen“ Amerikanern. Welch‘ ein Segen in der kargen Nachkriegszeit! Und große Neugier bei deren einzigem Besuch in der alten Heimat.

Bald weitere Innovationen: Wasserleitung, Badezimmer, Straßenbeleuchtung, Flussregulierung wegen regelmäßiger Überschwemmungen und Traktor statt Kühe.

Unter den Burschen im Ort manchmal raues Klima, ländliche geistige Enge und mangelnde Geborgenheit, eine gewisse Entfremdung trat ein.

Natur begann sich zu kränken und mit der Romantik, so es eine gab, war es auch bald vorbei.

Endlich erwachsen geworden

Hinaus in die Welt, Matura an der HAK Oberwart, dann Studium der Betriebswirtschaft in Wien. Erster Job.

Jung in die Ehe, Familiengründung. Erster Plattenspieler, erstes Fernsehgerät. Aufbruchstimmung und Optimismus, die Kinder sollten es besser haben. Österreichisches Wirtschaftswunder nach Krieg, Marshall-Plan und Staatsvertrag.

Mehr von allem war in Aussicht, mehr Autos, mehr Straßen und Autobahnen, schönere Wohnungen, Einfamilienhaus nicht länger bloß ein Traum, erste Urlaube, Freiheitsgefühl.

Leistung und Erfolg als neue Maßstäbe. Jeder wollte seinen Teil vom Kuchen abbekommen.

Durch TV-Werbung vorgegaukelt: eine schöne, heile und erstrebenswerte Welt, Kriegs- und Nazi-Vergangenheit verdrängt, Werte und Religion: im Schwinden.

Und noch weitere Risse im Gebälk: Umweltverschmutzung ein aufkommendes Thema. Erste Kritik auch an der Konsumgesellschaft: Bedeutet mehr Wohlstand auch mehr Wohlbefinden?
Saurer Regen, Waldsterben, Artensterben, Ressourcen zur Neige gehend, der Club of Rome warnt klar und deutlich.

Wachstum als Fetisch tatsächlich eine Lösung – vor allem, wenn die Natur aus dem Blickfeld gerät?

Wirtschaftswunder 1960

Und jetzt, in der letzten Phase des Lebens? Fragen, nur Fragen!

Klimawandel eine Zeit lang endlich einmal wirklich im Mittelpunkt! Greta Thunberg, die Jungen stehen auf, es geht um ihre Zukunft, Straßenblockaden und andere Proteste.

Die Fakten stützen den Unmut: explodierende CO²-Emissionen seit den Sechzigerjahren, aktuelle CO²- Konzentration in der Atmosphäre die höchste der letzten zwei Millionen Jahre. Aber immer noch Leugner, ob menschengemacht?

Gesellschaft gespalten, bei Klimawandel, Pandemie, Ukraine. Folgen der Erwärmung gravierend: Lange Hitzeperioden, immer mehr Hitzetote. 40 Grad Celsius in Österreich die neuen 30 Grad? Vermehrte Dürre, Ernteausfälle, Waldbrände, das Grundwasser zieht sich zurück, Starkregen immer häufiger, Murenabgänge, Hänge rutschen ab, „Jahrhundertüberschwemmungen“ immer öfter – Zersiedelung, Bodenverbrauch und Flächenfraß beschleunigen nur.
Stürme mit ungeheurer Wucht, umstürzende und geknickte Bäume, Gletscher verschwinden, Permafrost taut auf, Steinschläge, Felsstürze gefährden Täler. Mittelmeer fast schon Badewanne, unsere Flüsse zu warm für Forellen, die Polkappen schmelzen ab, ganze Regionen trocknen aus, wie hoch wird der Meeresspiegel steigen?

Und wohin werden die Menschen dann flüchten? Völkerwanderungen, Kriege um Land, Wasser und Nahrung, um zu überleben?

Mittlerweile: 1,5 Grad-Ziel weltweit seit dem Vorjahr überschritten, Österreich mit 3,1 Grad! ganz besonders betroffen. Erderhitzung global derzeit schon auf 2,7 Grad-Kurs! Hoppla: aber was erwartet uns dann? 5 Grad plus gegenüber der vorindustriellen Zeit? Oder noch mehr? Folgen noch vorstellbar??? Sind wir bereits mitten im Kippen?

What to do? Nur mehr wegschauen, ausblenden, resignieren? Nein und wieder nein, es geht ums Überleben! Daher: endlich aufwachen, aufstehen, kämpfen, alles in Frage stellen, das Leben verändern, tun!

Unser Planet ächzt, unser Planet lechzt. Unsere Erde schreit, unsere Erde weint. Gibt es noch Hoffnung? Sind die Kipppunkte schon überschritten? Gibt es noch einen Ausweg? Fragen über Fragen! Liegen die Lebensgrundlagen auf unserem Planeten schon im Sterben? Und wird er sich erst dann wieder erholen, wenn es uns Menschen nicht mehr gibt? Ist es also das: Die Erde ein Paradies nur noch ohne uns?

Josef Redl

Diplom-Kaufmann Josef Redl

ist eine profilierte Persönlichkeit der österreichischen Finanz- und Versicherungsbranche. Nach seinem Studium an der WU Wien war er jahrelang im Banken- und Versicherungssektor tätig, insbesondere im Bereich Marketing und Marktforschung. Redl prägte den Finanz-Marketing Verband Österreich (FMVÖ) wesentlich.

Auch aktuell ist Josef Redl als anerkannter Fachmann präsent, als Mitglied des Klubs der Wirtschaftspublizisten betrachtet er komplexe Themen bewusst interdisziplinär und möchte damit neue Lösungsansätze fördern.

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