Ein Gastkommentar von Josef Redl | Wien, September 2026
Wie konsequent ist die Klimapolitik Österreichs – und was bedeutet sie für unser Leben und die Zukunft unserer Kinder und Enkel? Josef Redl nimmt die politischen Antworten auf den Klimawandel unter die Lupe. Er kritisiert Versäumnisse, hinterfragt die Positionen der Parteien und fordert verbindliche Ziele sowie einen klaren Weg zur Umsetzung.
Vielen unserer Leser:innen ist Josef Redl durch seinen persönlichen Rückblick Klimawandel und Natur bekannt.
Hier richtet er den Blick auf die politische Verantwortung. Sein Gastkommentar vertritt seine persönliche Einschätzung und lädt Dich ein, Dir eine eigene Meinung zu bilden.
INHALTSVERZEICHNIS
Klimapolitik Österreich zwischen Anspruch und Wirklichkeit
Egal von welcher Seite man es auch betrachtet, ist – wie die aktuellen Ereignisse nun bloßgelegt haben – die Klimapolitik der seit dem Vorjahr im Amt befindlichen österreichischen Bundesregierung bestenfalls Stückwerk. Und wird der vielleicht größten Herausforderung der Menschheitsgeschichte alles andere als gerecht. Mehr noch: sie ist vermutlich die größte Schwachstelle in einer Regierung, die mit ihrer Performance ansonsten weit unter ihrem Wert geschlagen wird. Bereits zu lange wurde diese Achillesferse vorwiegend damit zugedeckt, dass man die Kirche im Dorf lassen und „Klimapolitik mit Hausverstand“ machen müsse, was immer das auch sein mag.
Die zwei großen Hitzewellen seit Juni mit einem neuen Hitzerekord von 41,2 Grad sowie immensen Schäden in der Landwirtschaft haben die Strategie, den Klimawandel weiter zu verdrängen, nämlich mit einem einzigen Schlag über den Haufen geworfen.
Und der Mehrheit der Österreicher:innen spätestens jetzt bewusst gemacht, dass man diesem nicht entrinnen kann, wenn man ihnen nur genug Sand in die Augen streut. Immerhin müssen sie dessen Folgen jetzt schon viel früher als befürchtet selbst ausbaden und ihren Kindern und Enkelkindern eine Welt hinterlassen, die wahrscheinlich noch viel lebensfeindlicher sein wird als man sich das bisher vorgestellt hat.
Warum die Warnungen der Klimaforschung mehr Gehör brauchen
Dem steht eine gewisse Hilflosigkeit des zuständigen Ressortministers gegenüber, die entlarvender nicht sein könnte. Und die in der Aussage gipfelt, dass 2026 eine Ausnahmejahr wäre, so als würden wir wieder auf einen Sommer wie damals hoffen können, in dem es wenigstens ein paar Tage im Jahr über 30 Grad hat, um genussvoll ins Freibad gehen zu können.
Natürlich gegen jede Evidenz seitens der Klimaforscher:innen, die sich – Hut ab! – seit Jahrzehnten den Mund fusselig reden, um zu erklären, was da an neuer aufgeheizter Normalität auf uns Menschen zukommen wird, wenn wir nicht rechtzeitig dagegen halten. Und trotzdem kein Gehör finden, wie das folgende Zitat aus dem „Kurier“ vom 9. August eindrucksvoll beweist. Dort hat die klar und unmissverständlich kommunizierende Helga Kromp-Kolb auf die Frage, wie ihr Verhältnis zur Politik wäre, nämlich wie folgt geantwortet: „Ich habe keins.“ Deutlicher geht’s nicht, das sagt alles!
Diplom-Kaufmann Josef Redl
ist eine profilierte Persönlichkeit der österreichischen Finanz- und Versicherungsbranche. Nach seinem Studium an der WU Wien war er jahrelang im Banken- und Versicherungssektor tätig, insbesondere im Bereich Marketing und Marktforschung. Redl prägte den Finanz-Marketing Verband Österreich (FMVÖ) wesentlich.
Auch aktuell ist Josef Redl als anerkannter Fachmann präsent, als Mitglied des Klubs der Wirtschaftspublizisten betrachtet er komplexe Themen bewusst interdisziplinär und möchte damit neue Lösungsansätze fördern.
Die Klimapolitik der Parteien auf dem Prüfstand
Warum das trotz einiger Teilerfolge der Regierung, eher noch von der vorigen, so ist, wie es ist, ist mit einem Blick auf die Parteien rasch erklärt.
Zuerst zur ÖVP: Ist der Eindruck völlig falsch, dass es dieser Partei vorerst schon einmal genügte, endlich die lästige Leonore Gewessler losgeworden zu sein, die sie sogar einmal anklagen wollte? Um sich dann weiter darin zu üben, die Klima- gegen die Wirtschafts- und Standortpolitik (Österreich ist ein Autoland hat schon Karl Nehammer gesagt) auszuspielen.
Während die SPÖ das Kunststück zuwege brachte, die durch das Ausscheiden der Grünen aus der Regierung entstandene klimapolitische Lücke nicht selbst zu schließen. Schlecht für die Klimapolitik, schlecht für die SPÖ und gut für die Grünen. Mit dem Ergebnis, dass die Zustimmung zu den Grünen wieder gestiegen ist, während es bei der SPÖ bekanntermaßen anders aussieht.
Bleiben noch die Neos und die FPÖ. Bei beiden Parteien muss man sich klimapolitisch nicht lange aufhalten. Die Neos haben zwar zur aktuellen Situation („Prävention vor Kompensation“) Stellung genommen, als auf diesem Politikfeld stark positioniert kann man sie aber ähnlich wie die SPÖ nicht betrachten. Und die FPÖ kann man bei diesem Thema allein schon deshalb schnell abhaken, weil sie – Fakten verachtend wie der Teufel das Weihwasser – ohnehin einem menschengemachten Klimawandel abschwört und sich eher darum kümmert, Begriffe wie „Klimakommunismus“ in die Welt zu setzen, weil diese gar so überzeugend und einleuchtend wirken. Wie lange übrigens noch?
Landwirtschaft und Renaturierung brauchen klare Entscheidungen
Bei einer solchen Gemengelage konnte es also erstens passieren, dass ausgerechnet der zuständige Landwirtschafts- und Klimaminister derjenige ist, welcher der vom Klimawandel besonders gebeutelten Landwirtschaft noch größeren Schaden dadurch zufügt, dass er in der Klimapolitik, z. B. in der Renaturierung, gelinde gesagt, eher bremst als Gas gibt.
Was der österreichische Klimabericht deutlich macht
Gut dazu passt zweitens, dass der im Vorjahr erschienene, an Klarheit nichts vermissenlassende zweite österreichische Sachstandsbericht zum Klimawandel damals zwar in den Medien präsentiert wurde, dann aber vermutlich wieder rasch in den Politikerschubladen verschwunden ist. Was, wenn dem so ist, einer Diskussionsverweigerung sondergleichen gleich kommt, geht es doch um die Lebensbedingungen der noch nicht geborenen Österreicher:innen in den nächsten Jahrzehnten. In Bericht wurde nämlich klar zum Ausdruck gebracht, dass Österreich zu den vom Klimawandel besonders betroffenen Regionen gehört.
Und das äußerst sich darin, dass Österreich schon jetzt eine Erderhitzung von 3,1 Grad aufweist, während global das lange angepeilte Ziel von 1, 5 Grad erst im Vorjahr überschritten wurde. Weltweit befinden wir uns aber mittlerweile schon auf einem Kurs in Richtung 2,7 Grad, was die Frage aufwirft, was Österreich spätestens bis zur Jahrtausendwende zu erwarten hat: 4, 5 oder gar 6 Grad? Ohne Panik verbreiten zu wollen: Je heißer es in Österreich werden wird, desto folgenschwerer und unerträglicher wird das Leben in Österreich für unsere Kinder und Kindeskinder sein.
Verbindliche Klimaziele und weniger CO₂-Emissionen
Drittens, als Konsequenz daraus: Nach den Versäumnissen der letzten Jahre ist das noch immer ausständige Klimaschutzgesetz nun schleunigst zu verabschieden, um die im Regierungsprogramm festgeschriebene Klimaneutralität bis 2040 tatsächlich zu erreichen. Und zwar mit für alle Verursachergruppen verbindlichen Klimazielen, sonst macht das keinen Sinn. Anpassungsmaßnahmen und leistbare Unterstützungszahlungen jetzt sind gut, genügen aber nicht.
Das Übel muss vielmehr mit Nachdruck an der Wurzel, also bei den CO²-Emissionen, angepackt werden. Indem man von verschiedenen Szenarien für die Erderhitzung ausgeht und dann Schritt für Schritt die notwendigen Gegenstrategien und Umsetzungspfade erarbeitet. Weiter den Kopf in einen schon jetzt überheißen Sand zu stecken, geht nicht mehr.
Warum sich eine mutige Klimapolitik lohnt
Zusammenfassend: Es ist also – auch seitens der Wirtschaft und deren offenbar ÖVP-intern bremsende Vertreter – dringend notwendig, das bisherige kleinkarierte und klientelorientierte Denken über Bord zu werfen, auch hier den Reset-Knopf zu drücken und die Sache jetzt ganz neu anzugehen. Das ist ein steiniger Weg, bietet aber schon für die nächste Nationalratswahl große Chancen. Denn wird es der FPÖ auch dann noch – bei vermutlich weiter steigenden Temperaturen – gelingen, ihrer Wählerschaft zu verklickern, dass es einen Klimawandel gar nicht gibt? Die Geschichte lehrt uns auch, dass eine scheinbar unaufhaltsame Entwicklung dann rasch in das genaue Gegenteil umschlagen kann, wenn davor der Bogen nur lange genug überspannt wurde. Eine klare und mutige Klimapolitik lohnt sich also, auch wenn man einen sehr langen Atem dafür braucht.
Josef Redl
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