Präsidentin Ingrid Korosec

Ingrid Korosec im Interview – Aufhören ist für sie mit 85 keine Option

Lebenswege, die zeigen: Ruhestand ist nur ein Wort.

Wer sich in Österreich intensiv mit dem Älterwerden, den Rechten älterer Menschen und einem zeitgemäßen Altersbild beschäftigt, kommt an Ingrid Korosec nicht vorbei. Seit Jahrzehnten ist sie eine der beharrlichsten Stimmen der älteren Generation. Sie fordert gesellschaftliche und politische Teilhabe, wendet sich gegen Altersdiskriminierung und besteht darauf, dass Digitalisierung nicht zum Ausschluss führen darf.

Mit 85 Jahren ist die Präsidentin des Österreichischen Seniorenbundes und eine der beiden Präsidentinnen des Österreichischen Seniorenrates selbst ein überzeugendes Beispiel dafür, was in der dritten Lebensphase noch möglich ist. Korosec sitzt weiterhin im Wiener Gemeinderat und Landtag, mischt sich ein und scheut klare Worte nicht. Ein Role Model, das Aktivität nicht behauptet, sondern vorlebt.

Für Wir BestAger gibt es auch einen persönlichen Bezug: Am 4. November 2025 überreichte Ingrid Korosec den a·g·e Award 2025, mit dem unsere Plattform im österreichischen Parlament in der Kategorie Gesellschaft ausgezeichnet wurde.

Für unsere Reihe „Ruhestand ist nur ein Wort“ sprechen wir mit Ingrid Korosec über ihren politischen Antrieb, Altersdiskriminierung, digitale Teilhabe, Pensionen, Arbeiten im Alter und darüber, was selbstbestimmtes Älterwerden für sie bedeutet.

Dieses Interview mit Ingrid Korosec ist ausführlich – doch mehr als vier Jahrzehnte Politik, ihr konsequentes Engagement für ältere Menschen und ein facettenreiches Leben lassen sich kaum in wenigen Fragen abbilden.

Auch modisch ist Korosec eine Ausnahmeerscheinung: Sie liebt auffällige, farbenfrohe Kleidung und bezeichnet Mode selbst als eine ihrer Passionen – „bunt, nicht grau“ lautet ihre Devise.

Am 27. Oktober 2026 ist sie bei der generationenübergreifenden Veranstaltung BREAKING BARRIERS im Park Hotel Mauer dabei. Dort hält sie einen Impulstalk zu Generationen, Sichtbarkeit, Selbstbestimmung und Teilhabe; den Höhepunkt bildet eine Modenschau mit Models verschiedener Generationen. Wir BestAger begleitet den Abend als Community-Partner.

Wir BestAger gewinnt a·g·e Award 2025

Inhaltsverzeichnis

Verantwortung, Energie und Haltung

Wir BestAger:

Frau Korosec, Sie sind seit Jahrzehnten in politischen Spitzenfunktionen – Gemeinderätin, Nationalratsabgeordnete, Volksanwältin. Gab es einen bestimmten Moment, der Sie in die Politik gezogen hat?

Ingrid Korosec:

Ich war schon immer jemand, der sich gegen Ungerechtigkeiten gewehrt hat. Ein konkreter Moment war dann eine ÖVP-Veranstaltung zum Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Dort habe ich – vielleicht auch, weil ich immer ein bisschen frech war und Dinge direkt angesprochen habe – meine Meinung sehr deutlich vertreten. Daraus entstand schließlich das Angebot, politisch mitzuarbeiten. Fünf Jahre später war ich Mitglied des Wiener Gemeinderats.

Wir BestAger:

Sie haben über 40 Jahre in Managementpositionen in der Privatwirtschaft gearbeitet. Was unterscheidet Wirtschaft und Politik im Kern?

Ingrid Korosec:

Im Grunde sind Wirtschaft und Politik gar nicht so unterschiedlich. Entscheidend ist in beiden Bereichen die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen. Natürlich gibt es Unterschiede: Die Politik setzt die Rahmenbedingungen für die Wirtschaft, gleichzeitig beeinflussen wirtschaftliche Entwicklungen auch die Politik.

Ein wesentlicher Unterschied ist für mich allerdings die Geschwindigkeit der Entscheidungsprozesse. In der Politik dauern Entscheidungen oft zu lange. Gleichzeitig hat sich das Tempo in der Politik in den vergangenen Jahren durch Social Media rasant erhöht. Informationen verbreiten sich innerhalb von Sekunden, und auch die Reaktionen darauf müssen immer schneller erfolgen.

Erfolgreich kann man letztlich in beiden Bereichen nur sein, wenn man empathisch, zielorientiert, diszipliniert und gleichzeitig visionär ist.

Wir BestAger:

Was hält Sie im Amt – Pflichtgefühl, Überzeugung oder Kampfgeist?

Ingrid Korosec:

Es ist eine Mischung aus allen drei Dingen – aus Pflichtgefühl, Überzeugung und Kampfgeist. Dazu kommt aber noch etwas ganz Entscheidendes: die Liebe zu den Menschen. Ich setze mich für sie ein und möchte ihnen helfen.

Dieses positive Feedback bekomme ich sehr häufig von Seniorinnen und Senioren. Also mache ich weiter. Denn eines vermisse ich leider oft: das Tun. Viele Menschen reden lieber, anstatt etwas zu unternehmen.

Wir BestAger:

Woher kommt diese Energie?

Ingrid Korosec:

Wenn man mich nicht ständig an mein Alter erinnern würde, würde mir wahrscheinlich gar nicht auffallen, dass ich 85 bin. (lacht)

Mir macht es große Freude, Menschen zu helfen und Dinge zum Besseren zu verändern. Das gibt mir Energie und hält mich aktiv.

Außerdem bewege ich mich viel und mache regelmäßig Sport. Ich gehe ins Fitnesscenter – wobei ich meinen Trainer (seit 30 Jahren) immer wieder daran erinnern muss, dass ich nicht mehr „20“ bin. (lacht)

Kraft gibt mir auch die Kultur, insbesondere die Oper. Ich würde mir wünschen, dass die Jugend weniger auf TikTok wäre und stattdessen öfter in die Oper gehen würde.

Wir BestAger:

Was ist Ihr persönlicher „Sprit“, der Ihren Motor antreibt?

Ingrid Korosec:

Sehr viel Kraft bekomme ich aus der Unterstützung, die ich aus der Bevölkerung erhalte, aber auch von politischen Kolleginnen und Kollegen und sogar von Mitbewerbern. Immer wieder sprechen mich Menschen auf der Straße an und bitten mich, weiterzumachen.

Solange ich diesen Zuspruch bekomme, mich körperlich und geistig fit fühle und mich jeden Morgen darauf freue, aufzustehen und neugierig in den Tag zu starten, mache ich weiter.

Entscheidend ist für mich die Freude darüber, etwas positiv verändert und Menschen geholfen zu haben. Das war immer meine Antriebskraft – und das ist bis heute so geblieben.

Ein aktuelles Beispiel dafür ist die neue Tonspur „Klare Sprache“ beim ORF. Wenn solche Verbesserungen umgesetzt werden, zeigt mir das, dass sich der Einsatz lohnt.

Wir BestAger:

Gibt es auch Momente des Zweifelns – und wenn ja, wie gehen Sie damit um?

Ingrid Korosec:

Natürlich reflektiere ich mein Tun immer wieder. Wenn etwas einmal nicht so gut läuft, suche ich aber nicht lange nach den Gründen, warum es nicht geklappt hat. Ich konzentriere mich lieber darauf, neue Lösungen zu finden und nach vorne zu schauen.

Bei Rückschlägen gilt für mich das Motto: Aufstehen, Krönchen richten – und wenn nötig auch das Schwert schwingen. (lacht)

Wir BestAger:

Welche Werte waren immer Ihr Kompass?

Ingrid Korosec:

Mein persönlicher Kompass waren immer Rückgrat, Disziplin, Redlichkeit, Mut und mein ausgeprägtes Gerechtigkeitsstreben.

Altersdiskriminierung – wo ältere Menschen benachteiligt werden

Wir BestAger:

Ist Altersdiskriminierung in Österreich strukturell verankert?

Ingrid Korosec:

Ich würde nicht sagen, dass Altersdiskriminierung strukturell verankert ist. In der Praxis erleben ältere Menschen aber leider sehr häufig, dass sie bewusst oder unbewusst benachteiligt werden.

Gerade auf dem Arbeitsmarkt berichten mir viele ältere Menschen von Diskriminierung bei Bewerbungen. Sie bekommen teilweise überhaupt keine Resonanz oder werden schlicht ignoriert.

Auch die zunehmende Digitalisierung kann zur Benachteiligung führen. Wenn immer mehr Dienstleistungen ausschließlich online angeboten werden, werden jene älteren Menschen ausgeschlossen, die digital nicht ausreichend fit sind.

Problematisch wird es auch dann, wenn diese digitale Entwicklung mit finanziellen Nachteilen verbunden ist. Wenn beispielsweise ein günstigerer Preis nur bei einem Online-Ticket angeboten wird, ist das für Menschen, die digitale Angebote nicht nutzen können, ebenfalls eine Form der Diskriminierung.

Wir BestAger:

Keine Bankkredite ab 70, reine Online-Anträge, Mengenrabatte nur für Jüngere – Bequemlichkeit oder bewusste Ausgrenzung?

Ingrid Korosec:

Ich will Unternehmen nicht pauschal unterstellen, dass sie ältere Menschen bewusst ausgrenzen. Natürlich wissen Unternehmen aber, welche Auswirkungen ihre Entscheidungen haben. Die Gründe dafür sind vielfältig: Wirtschaftlichkeit, Effizienz, Zielgruppenorientierung oder auch eine gewisse Digitalisierungseuphorie.

Es können natürlich auch Fehler oder Fehleinschätzungen passieren. Wenn wir aber auf ein Problem aufmerksam machen und trotzdem keine Bereitschaft besteht, etwas zu verändern, dann geht es für mich schon in Richtung bewusster Ausgrenzung.

Dann hilft oft nur noch eine gesetzliche Absicherung. Ein Beispiel sind Altersgrenzen bei Bankkrediten ab 70. Nach langem Kampf konnten wir diese Diskriminierung durch eine Änderung des Hypothekar- und des Immobilienkreditgesetzes erfolgreich abschaffen.

Aber kaum haben wir eine Verbesserung erreicht, kommt bereits eine neue Herausforderung.

Ich setze mich beispielsweise beim Thema Digitalisierung immer für Wahlfreiheit ein: Es muss eine analoge Möglichkeit genauso geben wie eine digitale. Niemand darf gezwungen werden, ausschließlich online zu kommunizieren.

Auch bei Mengenrabatten gibt es ein Problem. Viele ältere Menschen leben allein und können mit Angeboten wie einem Kilogramm Würstel, vier Packungen Käse, einem Kübel Orangen oder fünf Kilogramm Mehl schlicht nichts anfangen. Sie haben von solchen Mengenrabatten nichts.

Wir BestAger:

Warum erkennt die Wirtschaft nicht, dass die Generation 50+ bald 30 Prozent der Gesellschaft ausmacht?

Ingrid Korosec:

Ich frage mich das auch. Eigentlich müsste längst erkannt worden sein, welches Potenzial in dieser Generation steckt. Auch die Politik ist bei diesem Thema noch zu langsam.

Gerade angesichts des Fachkräftemangels können wir es uns nicht leisten, diesen Expertenpool ungenutzt zu lassen. Davon würden alle profitieren – die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer genauso wie die Unternehmen. Dafür brauchen wir dringend einen Schulterschluss zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern.

Die Zahlen zeigen, wie groß das Problem ist: Rund 30 Prozent der Betriebe mit mehr als 20 Beschäftigten haben keine einzige Person über 60 angestellt. Und rund die Hälfte beschäftigt keine Frau über 60.

Gleichzeitig wird das Pensionsalter beziehungsweise die Pensionsanpassung auf 65 ausgerichtet. Dann brauchen wir natürlich auch altersgerechte Arbeitsplätze, insbesondere für Frauen.

Besonders problematisch ist, dass zwischen 55 und 64 Jahren rund 18 Prozent der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer aus Arbeitslosigkeit oder Krankenstand in die Pension wechseln.

Dabei haben Branchen wie Tourismus, Konsumgüter und Gesundheit das Potenzial längst erkannt. Ihre Angebote für Seniorinnen und Senioren boomen. Die Skurrilität daran ist allerdings: Sie werben um Senioren als Kundengruppe, stellen aber gleichzeitig kaum ältere Menschen ein.

Wir BestAger:

Braucht es schärfere gesetzliche Instrumente gegen Altersdiskriminierung?

Ingrid Korosec:

Ja, davon bin ich überzeugt. Deshalb kämpfe ich für eine Erweiterung des Gleichbehandlungsgesetzes um den Diskriminierungsgrund „Alter“. Derzeit gilt dieser Schutz im Wesentlichen für Arbeitsverhältnisse.

Künftig müssen auch Diskriminierungen in der Privatwirtschaft bekämpft werden können, insbesondere digitale Diskriminierungen. Eine andere Möglichkeit wäre ein eigenes Gesetz.

Denn eines ist klar: Nur wer ein Recht hat, kann auch Recht bekommen.

Außerdem sollte geprüft werden, ob eine verfassungsrechtliche Verankerung notwendig und möglich ist. Dafür wäre allerdings eine Zweidrittelmehrheit im Nationalrat erforderlich.

Seniorenbund Ingrid Korosec

Digitale Teilhabe und Künstliche Intelligenz

Wir BestAger:

Wie kann verhindert werden, dass Digitalisierung zur sozialen Ausgrenzung führt?

Ingrid Korosec:

Indem wir für Wahlfreiheit sorgen. Es muss in allen Bereichen immer auch analoge Möglichkeiten geben – also beispielsweise eine Möglichkeit per Papierform oder telefonisch.

Außerdem braucht es „echte“ Ansprechpersonen in öffentlichen Ämtern, Ministerien und Gemeinden, die Menschen persönlich weiterhelfen können.

Wenn Politik und Wirtschaft zunehmend digitale Kompetenzen einfordern, müssen sie gleichzeitig dafür sorgen, dass ältere Menschen diese Kompetenzen auch erwerben können. Niemand darf durch die Digitalisierung zurückgelassen werden.

Wir BestAger:

Haben Seniorinnen und Senioren auch eine eigene Verantwortung bei der digitalen Kompetenz?

Ingrid Korosec:

Ja, natürlich. Auch Seniorinnen und Senioren sind gefordert, sich digitale Kompetenzen anzueignen. Viele sind bereits digital unterwegs und viele wollen auch digital fit sein.

Ich bin dafür ein gutes Beispiel. Ich habe beispielsweise einen Facebook-Account mit mittlerweile mehr als 18.800 Followern.

Aber gleichzeitig müssen wir von der Politik niederschwellige Angebote einfordern. Dazu gehört etwa ein Ausbau des Konzepts der „Digi-Dolmetscher“ in den Gemeinden und eine Weiterentwicklung der digitalen Kompetenzoffensive der Bundesregierung. Auch digitale Beratung und die notwendige technische Ausstattung sollten stärker unterstützt werden – ähnlich wie das bei kleinen und mittleren Unternehmen oder Schulen der Fall ist.

Wir BestAger:

Wird uns KI ersetzen oder unterstützen?

Ingrid Korosec:

KI und Technik sollen den Menschen helfen und sie entlasten – und nicht umgekehrt.

Künstliche Intelligenz wird bestimmte Tätigkeiten übernehmen, andere verändern und gleichzeitig neue Tätigkeiten schaffen. Entscheidend ist deshalb, wie wir diese Technologien einsetzen.

Gerade für ältere Menschen kann KI viele Vorteile bringen, etwa in der Telemedizin, bei der Mobilität oder im Bereich Smart Home.

Was aber niemals ersetzt werden kann, sind Empathie und moralische Verantwortung. Das bleiben unersetzbare menschliche Eigenschaften.

Pensionen zwischen Leistung, Würde und Generationengerechtigkeit

Wir BestAger:

Warum ist die volle Inflationsanpassung der Pensionen für Sie eine Frage der Würde?

Ingrid Korosec:

Ja, ich bin für eine volle Inflationsanpassung für alle. Gegen Staffelungen habe ich nichts, wenn sie sozial gerechtfertigt sind. Ganz klar bin ich aber gegen Deckelungen.

Gerade höhere Pensionen haben durch die Deckelungen seit 2010 einen erheblichen Wertverlust erlitten. Wer ein Leben lang mehr in das Pensionssystem eingezahlt hat, darf dafür nicht im Nachhinein benachteiligt werden. Für mich ist das auch eine Frage des Respekts gegenüber den Leistungsträgern.

Wir BestAger:

Was entgegnen Sie jenen, die von „Privilegien“ sprechen?

Ingrid Korosec:

Ich glaube, dass viele, die von Privilegien sprechen, das österreichische Pensionssystem als Umlagesystem nicht ausreichend verstehen.

Wer ein Leben lang in die Pensionsversicherung eingezahlt hat, dem steht selbstverständlich eine Pension zu. Dazu gehört auch die jährliche volle Inflationsanpassung. Das ist kein Privileg, sondern das Ergebnis jahrzehntelanger Beitragszahlungen.

Wir BestAger:

Ist das Pensionssystem für die Jüngeren noch finanzierbar?

Ingrid Korosec:

Diese Diskussion gibt es seit Jahrzehnten. Schon früher wurde immer wieder behauptet, das System werde nicht mehr funktionieren. Unser gutes Umlagesystem funktioniert aber nach wie vor – und andere Länder beneiden uns darum.

Ich halte den derzeitigen Alarmismus deshalb für gefährlich. Er kann eine Negativspirale auslösen und schürt nicht nur einen Generationenkonflikt, sondern führt auch zu einer massiven Verunsicherung bei Jung und Alt.

Wenn junge Menschen ständig hören, dass sie ohnehin keine staatliche Pension mehr bekommen werden, stellt sich irgendwann die Frage: Warum soll ich überhaupt noch arbeiten und einzahlen? Genau diese Entwicklung dürfen wir nicht fördern.

Wir BestAger:

Wird die Generation 50+ politisch zu oft als Kostenfaktor dargestellt?

Ingrid Korosec:

Ja, und das ist unfair, unwürdig und schlicht falsch.

Wir müssen bei der Diskussion auf Kostenwahrheit achten. Die offiziell ausgewiesenen Bundesmittel von 36 Milliarden Euro zeichnen ein verzerrtes Bild. Laut unseren Berechnungen sind 22,8 Prozent dieser Summe (rund 8,2 Milliarden Euro) keine Versicherungsleistungen, sondern Sozialleistungen, die eigentlich aus dem Sozialtopf finanziert werden müssten. Dazu zählen etwa die Ausgleichszulage zur Armutsbekämpfung, Reha-Geld oder Ersatzzeiten für Kindererziehung.

Und: Die ältere Generation erwirtschaftet beziehungsweise leistet für die Gesellschaft viel mehr, als oft dargestellt wird. Allein die Freiwilligenarbeit und das unbezahlte ehrenamtliche Engagement haben einen enormen Wert. Rund 9 Milliarden Euro an freiwilliger und unbezahlter Arbeit werden geleistet.

Wir BestAger:

Ist die Pensionsdebatte zu stark emotionalisiert?

Ingrid Korosec:

Ja. Was wir derzeit erleben, ist teilweise ein plakatives Pensionsbashing. Dagegen wehre ich mich ganz klar.

Arbeiten im Alter und ein realistisches Altersbild

Wir BestAger:

Arbeiten im Pensionsalter – Freiheit oder wirtschaftliche Notwendigkeit?

Ingrid Korosec:

Es ist sowohl eine Frage der Freiheit als auch eine wirtschaftliche Notwendigkeit.

Viele Menschen wollen auch nach dem Pensionsantritt noch arbeiten, etwas Sinnvolles tun und weiterhin einen Beitrag leisten. Andere müssen arbeiten, weil sie es sich finanziell nicht leisten können, mit ihrer Pension auszukommen.

Wenn jemand sich mit seiner Pension plötzlich die Miete oder das eigene Haus nicht mehr leisten kann, ist das dramatisch. Das kann im schlimmsten Fall zu einer regelrechten Entwurzelung führen.

Viele Menschen beklagen außerdem zu Recht die hohe Steuer- und Abgabenlast. Deshalb habe ich jahrelang dafür gekämpft, dass Arbeiten im Alter unbürokratischer und attraktiver wird. Mehr Netto vom Brutto ist dabei ein ganz zentraler Punkt.

Ab 2027 kommt die „Aktivpension“, ein Steuerfreibetrag von 15.000 Euro pro Jahr für Zuverdienste – selbstverständlich auch für Selbstständige. Die „Aktivpension“ war eine jahrelange Forderung von mir. Ab 1. 1. 2027 ist es soweit.

Redaktioneller Stand, August 2026: Die Aktiv-Pension liegt derzeit als Regierungsvorlage vor; das parlamentarische Gesetzgebungsverfahren ist noch nicht abgeschlossen.

Wir BestAger:

Warum zögern Unternehmen noch immer bei der Einstellung älterer Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer?

Ingrid Korosec:

Weil es leider noch immer das überholte Bild gibt, dass ältere Menschen häufiger krank und nicht mehr belastbar seien.

Dieses Bild müssen wir dringend revidieren. Seniorinnen und Senioren sind nicht alt und klapprig, sondern aktiv und fit. Sie sind nicht „rostig“, sondern rüstig.

Wir BestAger:

Ist das Bild vom weniger leistungsfähigen Älteren eines der letzten gesellschaftlich akzeptierten Vorurteile?

Ingrid Korosec:

Ich hoffe nicht, dass dieses Vorurteil gesellschaftlich akzeptiert ist. Aber leider ist es noch immer Realität – genauso wie viele andere Formen der Altersdiskriminierung.

Dagegen kämpfe ich gemeinsam mit dem Österreichischen Seniorenbund und dem Österreichischen Seniorenrat. Wir müssen dafür sorgen, dass ältere Menschen nicht auf ihr Alter reduziert werden, sondern nach ihren Fähigkeiten, ihrer Erfahrung und ihrer tatsächlichen Leistungsfähigkeit beurteilt werden.

Wir BestAger:

Was wollen Sie in Ihrer aktuellen Funktionsperiode noch erreichen?

Ingrid Korosec:

Mein Ziel ist ganz klar: Schluss mit Altersdiskriminierung durch Digitalisierung. Gleichzeitig möchte ich, dass Seniorinnen und Senioren digital fit werden und wir ein nachhaltig angepasstes und realistisches Bild vom Alter in unserer Gesellschaft schaffen.

Ich möchte außerdem, dass Sparmaßnahmen nicht einseitig zu Lasten der älteren Generation gehen.

Ein weiteres wichtiges Ziel ist mehr Netto vom Brutto für Menschen, die in der Pension weiterarbeiten möchten. Dafür brauchen wir auch altersgerechte Arbeitsplätze.

Und schließlich möchte ich ein Pensionssystem, das sich stärker an der Dauer der Erwerbstätigkeit orientiert und nicht primär am Geburtsdatum.

Wir BestAger:

Wie messen Sie Erfolg in der Interessenvertretung?

Ingrid Korosec:

Erfolg bedeutet für mich vor allem, dass die Stimme der älteren Generation gehört wird und daraus spürbare Verbesserungen entstehen.

Natürlich ist auch die Zahl der Mitglieder im Österreichischen Seniorenbund und im Österreichischen Seniorenrat ein wichtiger Maßstab. Darüber hinaus bekomme ich sehr viele positive Reaktionen auf meine Aktivitäten – etwa über Facebook oder per E-Mail. Auch das zeigt, wie wichtig unsere Arbeit für die Seniorinnen und Senioren ist.

Wir BestAger:

Welche Rolle spielt der Seniorenbund im gesamtgesellschaftlichen Diskurs?

Ingrid Korosec:

Der Seniorenbund hat hier eine große Bedeutung – auch aufgrund der demografischen Entwicklung. Die Zahl der älteren Menschen steigt stetig. Deshalb müssen ihre Anliegen und Interessen auch im gesamtgesellschaftlichen Diskurs entsprechend berücksichtigt werden.

Wir BestAger:

Gelingt es, 50+, 70+ und 85+ unter einem Dach zu vereinen?

Ingrid Korosec:

Ja, das gelingt. Natürlich ist es nicht immer einfach, weil Seniorinnen und Senioren keine homogene Gruppe sind. Die Lebenssituationen und Bedürfnisse unterscheiden sich je nach Alter teilweise erheblich.

Wir bemühen uns deshalb, alle Altersgruppen anzusprechen und bestmöglich zu vertreten.

Wir BestAger:

Hilft der a·g·e Award der Generation 50+ zu mehr Aufmerksamkeit?

Ingrid Korosec:

Genau deshalb machen wir den a·g·e Award. Jede Maßnahme, die dazu beiträgt, die Leistungen und Anliegen der Generation 50+ sichtbarer zu machen, hilft.

Politische Bilanz und selbstbestimmtes Älterwerden

Wir BestAger:

Was war Ihr größter politischer Erfolg?

Ingrid Korosec:

Ein großer Erfolg war für mich, mehr Flexibilität im Arbeitsleben zu ermöglichen. Dazu gehören beispielsweise die Väterkarenz und das Pensionssplitting.

Auch für die Teilzeit habe ich damals gekämpft, weil sie zu dieser Zeit wichtig und richtig war. Heute sehen wir allerdings auch die Probleme, die damit verbunden sind. Teilzeit war ursprünglich nie als dauerhaftes Lebensmodell gedacht, sondern als Überbrückung zwischen der Karenz und der Rückkehr in den Beruf.

Wir BestAger:

Was war Ihre schmerzhafteste Niederlage?

Ingrid Korosec:

Ich sehe eigentlich keine Niederlagen. Wenn etwas nicht gelingt, spreche ich lieber von Rückschlägen.

Wir BestAger:

Was würden Sie heute anders machen?

Ingrid Korosec:

Anders weiß ich nicht – aber besser. (lacht) Natürlich gibt es Dinge, die ich im Nachhinein besser machen würde. Danach weiß man schließlich immer alles besser.

Entscheidend ist für mich aber, dass ich aus jedem Fehler lerne. Ich habe immer nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt – und genau das werde ich auch in Zukunft tun.

Wir BestAger:

Wofür möchten Sie in Erinnerung bleiben – als Kämpferin, Brückenbauerin oder Mahnerin?

Ingrid Korosec:

Mir geht es gar nicht darum, ob oder als was ich in Erinnerung bleibe. Wichtig ist mir, dass ich Missstände abschaffe, Verbesserungen erwirke und andere Menschen dazu motiviere, sich für Gerechtigkeit einzusetzen, an sich selbst zu glauben und Rückgrat zu haben.

Wenn ich überhaupt in Erinnerung bleiben möchte, dann als Kämpferin für die Interessen und Anliegen der Seniorinnen und Senioren – als eine Frau, die nie aufgibt, wenn sie überzeugt ist, sondern mit Mut und Ausdauer ihre Ziele verfolgt.

Und gleichzeitig als Brückenbauerin zwischen den Generationen.

Wir BestAger:

Was bedeutet für Sie persönlich ein selbstbestimmtes, würdiges Älterwerden?

Ingrid Korosec:

Selbstbestimmtes und würdiges Älterwerden bedeutet für mich, auch im Alter ein Leben führen zu können, das den eigenen Werten, Bedürfnissen und Entscheidungen entspricht.

Natürlich braucht man in manchen Lebenslagen auch Unterstützung. Das ist wichtig. Aber Unterstützung darf niemals Bevormundung bedeuten. Für mich gehört deshalb zur Würde im Alter ganz wesentlich die Möglichkeit, selbst zu entscheiden und das eigene Leben so weit wie möglich selbstbestimmt zu gestalten.

Portrait Ingrid Korosec

Ingrid Korosec wurde am 22. November 1940 in Böheimkirchen in Niederösterreich geboren. Vor und parallel zu ihrer politischen Laufbahn arbeitete sie mehr als vier Jahrzehnte in Managementfunktionen der Privatwirtschaft. Ihre politische Karriere begann 1983 als Abgeordnete zum Wiener Landtag und Mitglied des Wiener Gemeinderates.

Von 1986 bis 1995 gehörte Korosec dem Nationalrat an; von 1991 bis 1995 war sie Generalsekretärin der ÖVP. Anschließend wirkte sie bis 2001 als Volksanwältin. Seit 2001 ist sie erneut Mitglied des Wiener Gemeinderates und Abgeordnete zum Wiener Landtag.

Seit 2016 steht sie als Präsidentin an der Spitze des Österreichischen Seniorenbundes. Zugleich ist sie eine der beiden Präsidentinnen des Österreichischen Seniorenrates. Im Mittelpunkt ihrer Arbeit stehen die Bekämpfung von Altersdiskriminierung, ein verlässliches Pensionssystem, digitale Teilhabe, bessere Rahmenbedingungen für Arbeit im Alter und ein selbstbestimmtes Leben in der dritten Lebensphase. Auch mit 85 Jahren ist Ingrid Korosec politisch präsent – und damit selbst ein sichtbares Beispiel für ein Altersbild, das Kompetenz und Gestaltungswillen nicht an einem Geburtsdatum festmacht.

Fotocredit: Marcus Deak

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Mag. Ulrike Ischler

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