Lebenswege, die zeigen: Ruhestand ist nur ein Wort.
Ich habe Haya Molcho bei der Buchpräsentation von Dr. Gerhard Drexel „Ruhestand – ein Irrtum“ kurz kennengelernt. Als ich ihr von der Mission von Wir BestAger erzählte, hat sie meiner Interviewanfrage spontan und mit großer Offenheit zugestimmt.
Haya Molcho gehört zu den charismatischsten Persönlichkeiten der europäischen Gastronomieszene. Mit ihrem Spätstart in die Selbstständigkeit, ihrer kreativen Energie und dem unerschütterlichen Glauben an Familie und Authentizität ist sie ein Vorbild für viele Frauen über 50.
Im Gespräch mit Wir BestAger zeigt sich die Unternehmerin offen, lebensklug und mit einem beeindruckend klaren Blick auf das Älterwerden – und darauf, was uns wirklich trägt.
Ulrike Ischler/Wir BestAger im Interview mit Haya Molcho
NENIFOOD Fotocredit.
Inhaltsverzeichnis
Herkunft, Prägung & Familie
Wir BestAger:
Sie wurden 1955 in Tel Aviv geboren. Wie kam es dazu, dass Sie nach Europa kamen – und was hat Sie damals geprägt?
Haya Molcho:
Ich war neun oder zehn Jahre alt, als mein Vater einen Job als Implantologe in Deutschland bekam – eine Fachrichtung, die es dort noch gar nicht gab. Wir wurden als Familie einfach mitgenommen. Für mich war das ein Bruch: In Israel war ich ständig draußen, es war hell, lebendig – und dann kam ich nach Norddeutschland. Grau, verregnet, verschlossener.
Aber ich war ein positives Kind. Ich habe mich schnell angepasst, die Sprache gelernt.
Es gab auch Antisemitismus – Lehrer, die mich ausgeschlossen haben. Aber meine Familie war offen und stark, das hat geholfen. Ich habe gelernt, mich durchzusetzen, ohne bitter zu werden.
Wir BestAger:
Sie sind mit Samy Molcho verheiratet. Wie hat Sie diese Verbindung beeinflußt?
Haya Molcho:
Samy und ich haben uns in Paris kennengelernt. Er war auf Tournee, ich war mit Freunden unterwegs. Ich bin dann mit ihm gereist – sieben Jahre lang.
Während er auf der Bühne stand, habe ich die Städte erkundet, die Märkte besucht, die Gewürze, die Gerüche aufgenommen. Diese Zeit hat mich kulinarisch geprägt. Das war meine Schule.
Quereinstieg & der Weg zu NENI
Wir BestAger:
Sie haben keine klassische Kochausbildung. Wie kam es zu Ihrem Einstieg in die Gastronomie?
Haya Molcho:
Ich habe schon immer gekocht. Für Freunde, Familie – leidenschaftlich. 2003 bat mich eine Nachbarin, für sie zu catern. Ich habe es probiert – und es wurde ein Erfolg. Plötzlich kamen weitere Aufträge – und ich dachte: Vielleicht ist das mein Weg.
Wir BestAger:
2009 eröffneten Sie mit Ihren Söhnen das erste NENI-Restaurant. Was bedeutet der Name – und wie war das, gemeinsam ein Unternehmen aufzubauen?
Haya Molcho:
NENI steht für die Anfangsbuchstaben meiner vier Söhne: Nuriel, Elior, Nadiv und Ilan. Es war uns wichtig, etwas als Familie zu schaffen. Ich habe gekocht, die Söhne haben sich um Branding, Marketing, Finanzen gekümmert. Jeder bringt seine besonderen Stärken ein.
Wir BestAger:
Inzwischen gibt es 13 Lokale in Europa, 3 davon in Wien. Wie spiegelt sich Ihre Philosophie im Unternehmen wider?
Haya Molcho:
Essen ist für mich Begegnung. Wenn Menschen an einem Tisch sitzen, entsteht Verbindung. Das ist unser Antrieb: Authentisch sein. Die Leute spüren, wenn etwas echt ist – und wenn nicht.
Unsere Gäste merken, dass es bei uns um mehr geht als nur um Essen. Es geht um Wärme, Respekt und ein echtes Miteinander.
Wir BestAger:
Welche Rolle haben Sie heute im Unternehmen?
Haya Molcho:
Ich bin kreativ tätig: Rezepte entwickeln, neue Ideen mitgestalten
Die operative Verantwortung liegt bei meinen Söhnen – sie sind CEO, leiten Franchises, machen das Marketing. Ein Sohn ist Schauspieler, Künstler wie sein Vater, und lebt in LA.
Ich lasse los, wo es sinnvoll ist. Das ist wichtig, wenn man mit der Familie arbeitet: Vertrauen und Freiraum.
Beruf, Alter & Lebensenergie
Wir BestAger:
Sie sind 70 – und immer noch aktiv. Wie stehen Sie zum Thema Älterwerden?
Haya Molcho:
Ich habe kein Problem, mein Alter zu nennen. Wir haben heuer meinen 70. Geburtstag in Südfrankreich gefeiert – mit der Familie. Das war mein größtes Geschenk.
Ich denke nicht in Kategorien wie „Jetzt sollte ich leiser treten.“ Ich liebe, was ich tue. Solange ich körperlich fit und geistig wach bin, mache ich weiter. Ich sehe keinen Grund, aufzuhören – warum auch?
Wir BestAger:
Was gibt Ihnen Kraft – wie halten Sie sich fit?
Haya Molcho:
Ich mache viel Sport: Pilates, Schwimmen, Fitness. Bewegung ist wichtig – aber auch soziale Kontakte.
Wir laden oft Freunde ein, ich koche, wir reden. Freundschaft ist Arbeit. Man muss geben, einladen, zuhören. Wer sich nur auf die Familie konzentriert, merkt irgendwann, dass Freundschaften fehlen.
Wir BestAger:
Viele Menschen glauben, dass man mit 50 oder 60 beruflich nicht mehr viel bewegen kann. Wie sehen Sie das?
Haya Molcho:
Das ist Quatsch. Gerade in diesem Alter weißt du, wer du bist. Du hast Lebenserfahrung, du hast gelernt, was du kannst – und auch, was nicht.
Mein Mann sagt oft: „Ich weiß heute genau, was ich nicht mehr kann – und genau das ist meine Stärke.“ Diese Klarheit ist ein Geschenk.
Gesellschaftliche Altersbilder & Beruf
Wir BestAger:
Was bringen ältere Menschen in ein Team ein?
Haya Molcho:
Verlässlichkeit. Loyalität. Ruhe. Und natürlich Erfahrung. Sie denken mit. Sie sind oft klarer, haben Überblick, lassen sich nicht so schnell aus der Bahn werfen.
Ich sehe das bei uns im Team, aber es gibt nicht sehr viele über 50. Leider.
Wir BestAger:
Woran liegt das?
Haya Molcho:
Gastronomie ist körperlich fordernd. Kellnern ist mit 60 einfach anstrengend. Das muss man ehrlich sagen.
Und gerade Frauen haben es sin unserer Branche schwer: es gibt zu wenig weibliche Köchinnen – auch, weil Frauen mit Kindern kaum Unterstützung bekommen. Das System ist nicht auf sie ausgerichtet.
Wir BestAger:
Was braucht es, damit mehr Frauen den aktiven Weg gehen – auch im späteren Alter?
Haya Molcho:
Mehr Verständnis. Mehr Förderung. Und mehr Mut. Frauen müssen sich das auch selbst zutrauen. Aber sie brauchen Strukturen, die sie nicht gleich an ihre Grenzen bringen.
Ich glaube: Wenn wir das ernst nehmen, würden viel mehr Frauen in meinem Alter noch etwas aufbauen.
Wir BestAger:
Viele Frauen über 50 sagen, sie fühlen sich unsichtbar. Was raten Sie ihnen?
Haya Molcho:
Nicht warten. Rausgehen. Tun. Man wird nicht sichtbar, wenn man sich zurückzieht.
Man muss sich zeigen. Einladen. Laut sein. Und vor allem: sich selbst wichtig nehmen – ohne sich zu entschuldigen.
Bezug zu Wir BestAger & Ausblick
Wir BestAger:
Unsere Plattform steht für ein neues Bild vom Älterwerden – aktiv, engagiert, neugierig. Haben Sie den Eindruck, dass sich dieses Bild gesellschaftlich schon durchsetzt?
Haya Molcho:
Langsam. Aber es gibt noch viel zu tun. Wir brauchen mehr Vorbilder. Mehr Geschichten von Menschen, die eben nicht in den Ruhestand gehen, sondern sich nochmal neu erfinden.
Menschen, die zeigen: Es ist nicht vorbei – es fängt vielleicht gerade erst an.
Wir BestAger:
Sie selbst haben mit fast 50 eine neue Karriere begonnen. Was geben Sie anderen mit, die in diesem Alter noch einmal etwas wagen möchten?
Haya Molcho:
Mach es. Und denk nicht zu viel. Wir Frauen haben gelernt, alles durchzuplanen – das blockiert. Ich bin da sehr impulsiv. Wenn ich etwas spüre, tue ich es. Und es darf auch mal schiefgehen. Es ist dein Leben. Du musst nichts mehr beweisen.
Wir BestAger:
Gibt es Dinge, die Sie heute – mit 70 – besser machen als früher?
Haya Molcho:
Ich bin gelassener. Ich nehme nicht mehr alles persönlich. Ich höre besser zu.
Und ich kann loslassen. Das ist ganz wichtig. Gerade, wenn man mit den eigenen Kindern zusammenarbeitet – man muss sie machen lassen. Das ist auch Vertrauen.
Wir BestAger:
Was wünschen Sie sich gesellschaftlich für die zweite Lebenshälfte?
Haya Molcho:
Mehr Respekt. Weniger Etiketten. Und dass man älteren Menschen nicht ständig sagt, was sie alles nicht mehr können. Es gibt so viel Erfahrung, so viel Menschlichkeit in diesen Jahren – das ist ein Schatz. Wir müssen lernen, diesen Schatz auch zu heben.
Wir BestAger:
Diese Worte lassen wir so stehen – sie sind ein würdiger Abschluss für ein besonders faszinierendes Gespräch.
Ganz herzlichen Dank, liebe Frau Molcho, für den Einblick in Ihr facettenreiches Leben, für Ihre Vorbildwirkung und das Mutmachen.
Haya Molcho hat mich berührt. Mit ihrer Lebensweisheit, ihrer Klarheit und Energie, ihrem Mut zum Leben – und dem tiefen Vertrauen in die eigene Kraft. Sie denkt nicht ans Aufhören, sie denkt ans Weitermachen. Nicht aus Ehrgeiz. Sondern, weil es sie erfüllt. Sie steht für ein Altersbild, das nicht kämpft, sondern wirkt. Das nicht laut schreit, aber gehört werden will und gehört wird. Ein Gespräch, das bleibt.
Portrait Haya Molcho
Haya Molcho wurde 1955 in Tel Aviv, Israel, geboren und lebt seit den 1970er Jahren in Wien. Sie ist ausgebildete Psychologin und verbrachte nach ihrer Heirat mit dem Pantomimen Samy Molcho viele Jahre in verschiedenen Ländern, bevor sich die Familie dauerhaft in Österreich niederließ.
Bekannt wurde Haya Molcho vor allem als Gastronomin: 2009 eröffnete sie gemeinsam mit ihren vier Söhnen das erste Restaurant der Marke NENI am Wiener Naschmarkt. Inzwischen betreibt die Familie mehrere NENI-Restaurants in Europa und vertreibt eigene Produkte im Lebensmittelhandel.
Sie hat außerdem mehrere Bücher zur israelisch-orientalischen Küche veröffentlicht. Sie setzt sich für eine offene, internationale Esskultur ein und ist regelmäßig in Kochsendungen und Medien präsent.
Neben ihrer unternehmerischen Tätigkeit engagiert sich Haya Molcho für kulinarischen Austausch und Integration.
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Hier findest du weitere Interviews aus unserer Reihe “Lebenswege, die zeigen: Ruhestand ist nur ein Wort”.
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Social Media Management, Digitale BestAger Trainerin. Ich mag es, Neues zu lernen, etwas aufzubauen. Ich mag Veränderung.
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