Ein Beitrag von Dr. Peter Lechleitner
Geschwollene Beine gehören zu den häufigsten Beschwerden, mit denen Menschen zum Hausarzt oder Internisten kommen. Manchmal fällt es erst am Abend auf: Die Socken haben tiefe Abdrücke hinterlassen, die Knöchel sind kaum noch zu erkennen und die Schuhe sitzen enger als am Morgen. Andere bemerken beim Druck mit dem Finger auf das Schienbein, dass eine kleine Delle zurückbleibt.
Hinter solchen Schwellungen kann etwas völlig Harmloses stecken. Es können aber auch Erkrankungen des Herzens, der Venen, der Nieren oder anderer Organe dahinterstecken. Entscheidend ist deshalb die Frage: Warum sind sie geschwollen?
Aus der Redaktion: Dieser Expertenbeitrag ergänzt unsere Serie Gesundheit 60+ mit weiteren Beiträgen zur Orientierung im Gesundheitsalltag.
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INHALTSVERZEICHNIS
Univ.-Prof. Dr. Peter Lechleitner
war mehr als 40 Jahre als Internist und Kardiologe in Klinik, Forschung und Intensivmedizin tätig. Sein Zugang zu Gesundheit ist wissenschaftlich fundiert, kritisch gegenüber manchem Hype und zugleich offen für sinnvolle Ergänzungen mit Augenmaß.
Neben seiner medizinischen Laufbahn ist er Autor, Musiker und Maler. Aktuell schreibt er an seinem zweiten Buch „Gesundheitskompromiss – Perfektion ist der Feind des Guten: Wie Sie ohne Verlust von Lebensqualität gesund bleiben können“.
Wir freuen uns sehr, dass er sein neues Buch bei Wir BestAger vorstellt und uns als medizinischer Experte begleitet.
Im ausführlichen Interview erfährst du mehr über den Arzt und vielseitigen Mann, auch bekannt als „Peter Doc“.
Wie Schwellungen in den Beinen entstehen
Der Arzt spricht bei einer Flüssigkeitsansammlung im Gewebe von einem Ödem. Unser Blutkreislauf transportiert ständig Flüssigkeit, Nährstoffe und Sauerstoff bis in die kleinsten Gefäße. Ein Teil der Flüssigkeit tritt dabei in das umliegende Gewebe über. Normalerweise wird sie größtenteils wieder in die Blutbahn aufgenommen beziehungsweise über die Lymphgefäße abtransportiert.
Dieses fein abgestimmte Gleichgewicht kann gestört werden. Dann bleibt mehr Flüssigkeit im Gewebe zurück, als abtransportiert werden kann. Das Bein wird dicker.
Ein einfaches Beispiel: Ein gesunder Mensch sitzt an einem heißen Sommertag acht Stunden nahezu unbeweglich im Zug oder Flugzeug. Die Gefäße erweitern sich durch die Wärme, die Muskelpumpe der Beine arbeitet wegen des langen Sitzens kaum und Flüssigkeit sammelt sich in den Unterschenkeln. Am Abend sind die Knöchel geschwollen. Nach einer Nacht mit etwas hochgelagerten Beinen ist am nächsten Morgen meist alles wieder normal.
Das ist eine ganz andere Situation als bei einem Menschen, dessen Beine seit Wochen zunehmend anschwellen und der gleichzeitig beim Stiegensteigen immer schlechter Luft bekommt.
Ein Bein oder beide – ein wichtiger Unterschied
Diese einfache Frage liefert bereits einen wichtigen Hinweis.
Schwellen beide Beine ungefähr gleich stark an, denkt man eher an allgemeine Ursachen wie Herzschwäche, Medikamente oder bestimmte Nieren-, Leber- und Venenerkrankungen.
Ist dagegen nur ein Bein plötzlich deutlich dicker, muss nach einer örtlichen Ursache gesucht werden. Besonders wichtig ist dabei die tiefe Venenthrombose.
Beispiel: Das plötzlich dicke Bein
Ein 62-jähriger Mann kommt von einer längeren Flugreise zurück. Zwei Tage später bemerkt er, dass sein linkes Bein deutlich dicker ist als das rechte. Es spannt und schmerzt beim Gehen. Eine 56 jährige Frau hat sich eine Verletzung am Bein zugezogen. Das Bein musste einige Zeit ruhig gestellt werden. Oder sie hatte vor kurzem eine Operation und nun schwillt plötzlich ein Bein an.
Hier sollte man nicht einige Tage abwarten, ob die Schwellung von selbst verschwindet. Es könnte sich um eine tiefe Venenthrombose handeln. Dabei bildet sich in einer tiefen Vene des Beines ein Blutgerinnsel. Gefährlich wird die Situation vor allem dann, wenn sich Teile dieses Gerinnsels lösen und mit dem Blutstrom in die Lunge gelangen. Es kann eine Lungenembolie entstehen. Atmungsabhängige Brustschmerzen, Atemnot bei Belastung und ein hoher Puls können Hinweise sein. Unentdeckt kann eine Lungenembolie höchst gefährlich sein. Sie ist eine der meist übersehenen Notfälle. „Darandenken“ ist die halbe Miete! Die Behandlung (Blutverdünnung) ist einfach und hoch wirksam.
Eine plötzlich auftretende einseitige Beinschwellung gehört deshalb ärztlich abgeklärt. Mit einem Bluttest (D-Dimer) und einer Ultraschalluntersuchung der Venen herrscht rasch Klarheit: Thrombose ja oder nein. Bei festgestellter Thrombose beseitigt eine Blutverdünnung erstmal die größte Gefahr einer eventuell nachfolgenden Lungenembolie (Blutgerinnsel von der Venenverstopfung wird über das Herz in den Lungenkreislauf verschleppt und kann einen Großteil der Lungenstrombahn verstopfen, was zum Versagen des rechten Teil des Herzens führt).
Wie Bewegung die Venen unterstützt
Eine wesentlich häufigere Ursache chronisch geschwollener Beine ist eine Venenschwäche, medizinisch chronisch-venöse Insuffizienz genannt.
Das Blut muss aus den Beinen gegen die Schwerkraft zum Herzen zurücktransportiert werden. Dabei helfen Venenklappen, die wie Rückschlagventile funktionieren, und die durch Bewegung aktivierte Beinmuskulatur dient als Pumpe. Bei jedem Schritt drücken die Muskeln auf die Venen und befördern Blut nach oben.
Funktionieren die Venenklappen nicht mehr ausreichend, staut sich Blut in den Beinen. Der Druck in den Gefäßen steigt und Flüssigkeit tritt in das Gewebe über.
Typischerweise sind die Beine morgens noch relativ schlank und werden im Laufe des Tages dicker. Langes Stehen verschlechtert die Beschwerden. Bewegung und Hochlagern der Beine helfen.
Mit der Zeit können zusätzlich Krampfadern, bräunliche Hautverfärbungen, Hautveränderungen und im fortgeschrittenen Stadium schlecht heilende Wunden auftreten.
Beispiel: Die Verkäuferin mit schweren Beinen
Eine 55-jährige Verkäuferin steht täglich viele Stunden. Morgens passen ihre Schuhe problemlos, abends schneiden die Riemen ein. Rund um die Knöchel sieht man kleine erweiterte Venen. Nach einem Wochenende mit viel Bewegung und hochgelagerten Beinen geht es ihr besser.
Dieses Muster spricht eher für ein Venenproblem als beispielsweise für eine akute Herz- oder Nierenerkrankung.
Regelmäßige Bewegung wie kurze Spaziergänge helfen beim Rücktransport des Blutes. Beinhochlagerungen sowie kalte Wassergüsse in Richtung Herz unterstützen zusätzlich.
Weitere Ursachen – Herz, Nieren, Lymphe und Medikamente
Wenn das Herz die Ursache ist
Eine weitere wichtige Ursache beidseitiger Beinödeme ist die Herzinsuffizienz, also eine Herzschwäche.
Wenn das Herz das Blut nicht mehr ausreichend weiterbefördern kann, steigt der Druck im Venensystem. Flüssigkeit kann sich in den Beinen ansammeln.
Meist gibt es dabei weitere Hinweise. Die Betroffenen werden bei körperlicher Belastung schneller kurzatmig, ihre Leistungsfähigkeit nimmt ab und das Körpergewicht kann durch die eingelagerte Flüssigkeit innerhalb weniger Tage deutlich steigen. Bei stärker ausgeprägter Herzschwäche kann auch Atemnot im Liegen auftreten.
Beispiel: Drei Kilogramm in einer Woche
Ein 75-jähriger Mann mit einer bekannten Herzerkrankung bemerkt, dass beide Unterschenkel zunehmend anschwellen. Gleichzeitig zeigt die Waage innerhalb einer Woche drei Kilogramm mehr an, obwohl er nicht mehr gegessen hat. Beim Stiegensteigen muss er plötzlich nach einem Stockwerk stehen bleiben, um Luft zu bekommen.
Eine solche Gewichtszunahme kann durch mehrere Liter eingelagerte Flüssigkeit entstehen. Hier sollte die Herzfunktion überprüft werden.
Deshalb ist bei Menschen mit Herzschwäche regelmäßiges Wiegen sinnvoll. Die Waage kann manchmal früher Alarm schlagen als das Auge.
Die Nieren als mögliche Ursache
Unsere Nieren regulieren unter anderem den Wasser- und Salzhaushalt des Körpers. Arbeiten sie nicht ausreichend oder gehen über den Urin größere Mengen Eiweiß verloren, kann es zu Ödemen kommen.
Dabei können neben den Beinen auch andere Körperregionen betroffen sein. Manchmal fallen beispielsweise morgens geschwollene Augenlider auf.
Zur Abklärung gehören Blutuntersuchungen und eine Untersuchung des Urins. Besonders wichtig ist die Frage, ob Eiweiß im Urin verloren geht.
Auch schwere Lebererkrankungen können Ödeme verursachen, unter anderem weil die Bildung wichtiger Bluteiweiße beeinträchtigt sein kann. Häufig bestehen dann allerdings weitere Krankheitszeichen.
Wenn die Lymphgefäße überfordert sind
Neben Blutgefäßen besitzt unser Körper ein weit verzweigtes Lymphsystem. Es transportiert Flüssigkeit und Eiweiß aus dem Gewebe zurück in den Kreislauf.
Wird dieser Abfluss behindert, entsteht ein Lymphödem.
Das kann beispielsweise nach Operationen auftreten, bei denen Lymphknoten entfernt wurden, nach Bestrahlungen oder durch Erkrankungen der Lymphgefäße selbst.
Lymphödeme fühlen sich oft anders an als reine venöse Ödeme. Anfangs kann die Schwellung noch weich sein, später wird das Gewebe häufig fester. Eine fachgerechte Behandlung kann Kompression, Bewegung und spezielle Lymphtherapie umfassen.
Medikamente als mögliche Auslöser
Dieser Punkt wird häufig übersehen.
Mehrere Medikamente können geschwollene Beine verursachen. Ein bekanntes Beispiel sind bestimmte Blutdruckmedikamente aus der Gruppe der Kalziumkanalblocker, etwa Amlodipin. Auch andere Medikamente können Ödeme begünstigen.
Typisch wäre folgende Situation: Ein Patient erhält wegen erhöhten Blutdrucks ein neues Medikament. Einige Wochen später bemerkt er erstmals geschwollene Knöchel. Herz und Nieren funktionieren normal.
Der zeitliche Zusammenhang kann entscheidend sein.
Das bedeutet allerdings nicht, dass man das Medikament selbstständig absetzen sollte. Sinnvoll ist ein Gespräch mit dem behandelnden Arzt. Manchmal lässt sich die Dosis verändern oder auf ein anderes Präparat umstellen.
Passend dazu aus der Redaktion: Im Beitrag Bluthochdruck – Risikofaktor Nr. 1 erklärt Dr. Lechleitner auch die Behandlung und mögliche Nebenwirkungen von Blutdruckmedikamenten.
So wird die Ursache ärztlich abgeklärt
Die Ursache eines Ödems lässt sich häufig schon durch einige gezielte Fragen eingrenzen:
Ist nur ein Bein betroffen oder sind es beide? Seit wann besteht die Schwellung? Kam sie plötzlich oder allmählich? Ist sie morgens geringer als abends? Gibt es Schmerzen, Rötung oder Überwärmung? Bestehen Atemnot oder ungewöhnliche Leistungsschwäche? Hat das Gewicht rasch zugenommen? Wurden Medikamente neu begonnen oder verändert? Gibt es bekannte Herz-, Nieren-, Leber- oder Venenerkrankungen?
Danach folgt die körperliche Untersuchung.
Der Arzt achtet auf Hautfarbe, Temperatur, Krampfadern und die Verteilung der Schwellung. Er untersucht Herz und Lunge und beurteilt die Durchblutung.
Ein klassischer kleiner Test besteht darin, einige Sekunden mit dem Finger auf das geschwollene Schienbein zu drücken. Bleibt anschließend eine sichtbare Vertiefung zurück, spricht man von einem eindrückbaren Ödem.
Je nach Verdacht können Blut- und Urinuntersuchungen, Ultraschall der Beinvenen, EKG, Herzultraschall oder weitere Untersuchungen notwendig sein.
Was Du selbst für Deine Beine tun kannst
Bei harmlosen, durch langes Sitzen oder Stehen ausgelösten Schwellungen helfen oft einfache Maßnahmen.
Bewegung ist besonders wirksam. Beim Gehen arbeitet die Wadenmuskulatur wie eine Pumpe und unterstützt den Rücktransport des Blutes. Wer lange sitzt, sollte deshalb regelmäßig aufstehen. Auch Fußwippen und kreisende Bewegungen der Sprunggelenke aktivieren die Muskelpumpe.
Das Hochlagern der Beine kann ebenfalls entlasten.
Bei chronischer Venenschwäche können Kompressionsstrümpfe sehr hilfreich sein. Sie sollten jedoch passend ausgewählt werden. Nicht besonders beliebt, aber erstaunlich wirksam sind Kompressionsstrümpfe auch bei höheren Temperaturen. Es gibt durchaus schicke Sommer-Kompressionsstrümpfe aus leichteren, atmungsaktiven Materialien. Zusätzlich kann man mit einer kleinen Wassersprühflasche die Strümpfe direkt am Bein befeuchten. Wenn die Hitze besonders plagt, kann man die Kompressionsstrümpfe vor dem Anziehen für 5 bis 10 Minuten ins Gefrierfach geben. Das wird nicht nur angenehm kühlend empfunden, verengt auch die Gefäße was wiederum die Schwellneigung mindert. Bei bestimmten Durchblutungsstörungen der Arterien ist eine Kompression allerdings nicht ohne Weiteres geeignet.
Von einer eigenmächtigen Einnahme sogenannter „Wassertabletten“ ist abzuraten. Entwässernde Medikamente können bei bestimmten Formen der Herzschwäche sehr wichtig sein. Bei anderen Ursachen eines geschwollenen Beines lösen sie das eigentliche Problem nicht und können den Salz- und Flüssigkeitshaushalt erheblich verändern.
Auch extremes Einschränken der Trinkmenge ist keine vernünftige Selbsttherapie, solange die Ursache der Ödeme nicht geklärt ist.
Weiterlesen bei Wir BestAger: Bewegung ab 60 – Warum sie wirkt und wie Du dranbleibst.
Warnzeichen erkennen und richtig handeln
Nicht jedes geschwollene Bein ist ein Notfall. Einige Warnzeichen sollte man jedoch kennen.
Besondere Aufmerksamkeit verlangt eine plötzlich auftretende einseitige Schwellung, vor allem wenn Schmerzen, Rötung oder Spannungsgefühl hinzukommen. Eine Thrombose muss ausgeschlossen werden.
Treten zusätzlich plötzliche Atemnot, Brustschmerzen, Herzrasen, Kreislaufprobleme oder Ohnmacht auf, ist eine sofortige medizinische Abklärung erforderlich.
Auch neu entstandene beidseitige Ödeme zusammen mit zunehmender Atemnot, deutlicher Leistungsminderung oder rascher Gewichtszunahme sollten zeitnah untersucht werden.
Ein Symptom, viele mögliche Ursachen
„Geschwollene Beine“ sind keine eigenständige Krankheit. Sie sind ein sichtbares Zeichen dafür, dass sich Flüssigkeit im Gewebe angesammelt hat.
Die Ursache kann so banal sein wie ein heißer Sommertag mit stundenlangem Sitzen. Sie kann in den Venen oder Lymphgefäßen liegen, durch Medikamente verursacht werden oder auf eine Erkrankung von Herz, Nieren oder Leber hinweisen.
Eine einfache Faustregel hilft bei der ersten Einschätzung:
Plötzlich und einseitig macht an eine örtliche Ursache wie eine Thrombose denken. Langsam und beidseitig spricht häufiger für venöse, medikamentöse oder internistische Ursachen. Atemnot zusammen mit geschwollenen Beinen ist immer ein Warnsignal.
Wer diese Unterschiede kennt, muss nicht bei jedem abendlichen Sockenabdruck beunruhigt sein. Er weiß aber auch, wann aus einem scheinbar banalen „Wasser in den Beinen“ ein Symptom wird, das ärztliche Aufmerksamkeit verdient.
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