Freitätigkeit statt Ruhestand

Freitätigkeit statt Ruhestand – Bertram Kasper im Interview

Viele sprechen vom „Ruhestand“, manche vom „Unruhestand“. Bertram Kasper wählt einen anderen Begriff: Freitätigkeit. Dahinter steckt eine klare Haltung – und eine sehr praktische Frage: Was mache ich mit der Freiheit, wenn der Job als Struktur, Bühne und Identität wegfällt?

Im Gespräch erzählt Kasper, wie ihn persönliche Erfahrungen früh mit Endlichkeit konfrontiert haben, warum er seinen Übergang in die Rente als Transformationsprozess erlebt – und wieso Beziehungen in dieser Lebensphase nicht „nice to have“, sondern zentral sind. Dazu sprechen wir über seinen Podcast „gelassen älter werden“ und über sein neues Buch, das die späte Lebensphase als Entwicklungsweg beschreibt.

Worum geht es in diesem Interview?
Um den Übergang nach dem Job, um Freitätigkeit als bewusstes Gestalten – und um konkrete Anker wie Beziehungen, Sinn und neue Rollen.

INHALTSVERZEICHNIS

Bertram Kasper
Bertram Kasper – Altersstratege

Bertram Kasper, 64, aus Marburg, ist „Altersstratege“, Podcaster, Autor und Visionär für eine Pro-Aging-Kultur. Bertran war 37 Jahre Dipl.-Sozialarbeiter, zuletzt 20 Jahre in der Geschäftsleitung. Heute begleitet er als Dipl.-Supervisor und Business-Coach Menschen in Lebens-Transformationen.

“Du hast so viel erlebt, so viel erreicht, und jetzt hast du die Freiheit, dein Leben nach deinen Vorstellungen zu gestalten. Aber ich weiß – manchmal ist es schwer, den richtigen Weg zu finden. Wie bleibt man voller Energie, neugierig und inspiriert?”

Hier geht’s zum Podcast “Gelassen älter werden”.

Am 7. April erscheint sein erstes Buch: „Die größte Reise deines Lebens“.

Leben vor und nach dem Rentenantritt

Wir BestAger: Bertram, wenn du dich in drei Sätzen vorstellst: Wer bist du – und wofür stehst du heute als „Altersstratege“?

Kaspar: Ich habe versucht, mir ein neues Narrativ zu schaffen. Deshalb nenne ich mich heute wirklich „Altersstratege“, Podcaster und inzwischen auch Autor. Mir war wichtig, eine neue Identität zu entwickeln – nicht nur beruflich, sondern auch privat, weil ich ja nicht mehr arbeite, sondern in Rente bin. Als Altersstratege versuche ich, das Älterwerden strategisch anzugehen: so viel wie möglich zu antizipieren, um mich gut anpassen zu können. Und ich will einen Beitrag leisten zu einer Vision von Pro-Aging in unserer Gesellschaft.

Wir BestAger: Wo kommst du beruflich her – was hast du vor deinem Rentenantritt gemacht?

Kaspar: Ich bin Diplom-Sozialarbeiter und habe 37 Jahre bei einem Träger der Kinder- und Jugendhilfe gearbeitet, der auch Altenhilfe und Behindertenhilfe hat. Wir waren am Ende rund 1.800 Mitarbeitende. Ich habe den Wachstumsprozess von klein an miterlebt und in unterschiedlichen Funktionen gearbeitet – zuletzt etwa 20 Jahre in der Geschäftsleitung.

Wir BestAger: Welche biografischen Erfahrungen haben deinen Blick aufs Alter besonders geformt?

Kaspar: Ein früher Verlust: Als ich elf war, ist mein jüngster Bruder bei einem Unfall gestorben. Später – mit 18, 19, 20 – wurde mir dadurch die Endlichkeit sehr bewusst: Wie will ich mein Leben leben, damit es Sinn macht und sich stimmig anfühlt? Dazu kommen meine zwei Großmütter: sehr unterschiedlich, aber beide haben nie „ein Thema“ aus dem Älterwerden gemacht, sondern ihr Leben gelebt. Und dann mein Vater: Er ist mit ungefähr 50 voll aus dem Beruf ausgestiegen, ist Märchenerzähler geworden und hat den Mut gehabt, alles umzubauen. Das hat mir geholfen, meinen eigenen Schritt früher zu gehen.

Wir BestAger: Du beschreibst den Übergang in den Ruhestand als Transformationsprozess. Was war für dich der schwierigste Punkt?

Kaspar: Wir haben meinen Vater beim Sterben begleitet. Das hat dazu geführt, dass ich meinen Übergang in die Rente vorgezogen habe. Gleichzeitig wurde mir Endlichkeit nochmal sehr real: Ich habe mitbekommen, wie mein Vater stirbt, und ein halbes, dreiviertel Jahr später bekam ich starke Angst vor meinem eigenen Sterben. Damit kam die Frage mit Wucht: Was soll wirklich Bedeutung in meinem Leben bekommen? Das war für mich der schwierigste Punkt in diesem Übergang.

Wir BestAger: Was hat dir konkret geholfen, neue Rollen zu etablieren – statt an alten festzuhalten?

Kaspar: Wichtig war zuerst, die Angst zuzulassen. Dadurch musste ich mich ernsthaft fragen: Was bekommt jetzt Bedeutung? Und ich habe gemerkt: Ich muss mir eine neue Geschichte über mich erzählen – eine neue Identität. Deshalb „Altersstratege“: Das ist eine andere Erzählung als „Sozialarbeiter von früher“. Diese neue Identität wird auch von außen bestätigt: Ich werde heute angefragt, weil ich mich mit dem Älterwerden beschäftige – nicht mehr als Experte für meinen früheren Fachbereich. Das verfestigt die neue Rolle enorm.

„Freitätigkeit“ statt Ruhestand: Wie fühlt sich das an?

Wir BestAger: Du prägst den Begriff „Freitätigkeit“. Was unterscheidet das vom Ruhestand oder „Unruhestand“?

Kaspar: Der Begriff kommt nicht ursprünglich von mir – ich habe ihn übernommen, genauso wie den Gedanken der „Lebensphase Freiheit“ von Gudrun Behm-Steidel. Entscheidend ist für mich: In dieser Phase kann ich frei entscheiden, wofür ich tätig sein will – in welcher Intensität und Dauer – und was ich nicht mehr mache. Dieses „Frei-Sein“ ist für mich die völlig neue Qualität gegenüber dem Beruf, wo man sich oft angepasst und „durchgebissen“ hat.

Wir BestAger: Viele erleben nach dem Job eine „Leere“. Wie würdest du diese Leere beschreiben – und wie wird sie zum Entwicklungsraum?

Kaspar: Ich selbst habe diese Leere weniger stark erlebt, weil ich mich strategisch vorbereitet habe. Aber ich höre oft: Menschen erleben, dass sie plötzlich „nichts mehr zählen“, dass Bedeutung und Zuwendung wegfallen – und niemand mehr fragt: „Kannst du mir helfen?“ Besonders bei Männern kommt häufig dazu, dass sie neben der Arbeit weniger soziale Beziehungen gepflegt haben. Dann entstehen zwei Aufgaben: eine neue Identität – und Beziehungen wieder knüpfen oder reaktivieren. Wenn beides fehlt, ist das ein dickes Brett.

Wir BestAger: Was sollte man nicht tun, wenn diese Leere auftaucht?
Kaspar: Sie ignorieren. So tun, als wäre sie nicht da. Die typische Reaktion – besonders bei stark leistungsorientierten Menschen – ist Kompensation: Keller renovieren, Projekte stapeln, ständig „tun“. Dann wird die Leere aber nicht wahrgenommen, sondern überdeckt. Die Herausforderung ist, sie zu merken und auszuhalten. Ich habe dafür das Bild: „in die Luft gucken lernen“ – zweckloses Dasein zulassen.

Wir BestAger: Viele sagen: „Jetzt will ich nur mehr genießen.“ Was antwortest du darauf?
Kaspar: Genuss ist wichtig. Aber wenn „Genuss“ bedeutet, aktiv zu verlieren – nur Couch, nur Essen gehen, nur verreisen – dann verliert das schnell an Sinn. Ich brauche ein „Wofür“. Sinn entsteht aus meiner Sicht auch in Verbindung mit Menschen. Darum geht es: Balance zwischen Genuss und Freitätigkeit – also Tätigsein, das Sinn hat, oft auch im Sinne von Generativität: Was ist unser Beitrag für die Nachfolgenden? Und ich kenne das von mir: Beim Buchmarketing sind alte Leistungs-Glaubenssätze sofort wieder angesprungen – da muss man bewusst gegensteuern.

Wir BestAger: Welche Rolle spielen Beziehungen in deinem Konzept der dritten Lebensphase?

Kaspar: Eine zentrale. Altersforschung sagt sehr klar: Soziale Beziehungen sind ein Schlüsselfaktor – auch für Gesundheit und dafür, mit Einschnitten besser umgehen zu können. Ich bin das selbst sehr „strategisch“ angegangen und habe lange auf dauerhafte Freundschaften fokussiert. Dann hat mich der Gedanke „freundschaftliche Momente“ weitergebracht: Auch Begegnungen auf Zeit können sehr wertvoll sein – intensive Momente, die gut tun, ohne dass daraus eine feste Freundschaft werden muss.

Einsam im Alter

Podcast „gelassen älter werden“: Ziele, Wirkung, Lieblingsgespräch

Wir BestAger: Dein sehr erfolgreicher Podcast „gelassen älter werden“ ist seit Anfang 2021 live. Was war der Auslöser, ihn zu starten?

Kaspar: Ich hatte mit 58 in einem Herbsturlaub in Porto die Frage: Was will ich mit meiner dritten Lebensphase anfangen? Und ich habe gemerkt: Ich habe Respekt vor dem Älterwerden. Mein Motto ist „Fantasie durch Information ersetzen“. Also begann ich, Studien zu lesen, Bücher zu kaufen, mich mit Wissenschaft und Erfahrungen anderer zu beschäftigen. In einem Museum in Porto kam die Idee: Ich könnte einen Podcast dazu machen – auch, weil ich 2010 schon einmal einen Podcast in meinem beruflichen Kontext gemacht hatte. Diesmal habe ich mir bewusst Zeit genommen: Konzept, Pro-Aging-Vision, Vorbereitung – bevor ich online gegangen bin.

Wir BestAger: Welche Ziele verfolgst du damit – was soll sich bei Hörer:innen verändern?

Kaspar: Ein Ziel ist sehr persönlich: Ich lerne selbst über das Älterwerden. Darüber hinaus geht es um die Vision einer Kultur des Pro-Aging. Und ganz konkret: Wenn Menschen mir schreiben, dass ein Gedanke ihnen etwas gegeben hat, dass sie sich angeregt fühlen – oder dass ein Gespräch etwas in ihnen auslöst, weil es stimmig war.

Wir BestAger: Welche Themen funktionieren besonders gut – und was überrascht dich in der Resonanz?

Kaspar: Prominente Namen bringen Reichweite – das ist messbar. Gleichzeitig funktionieren Gespräche mit „ganz normalen Menschen“ oft extrem gut, weil deren Geschichten viele interessieren. Überraschend war für mich: Themen, von denen ich dachte, sie ziehen stark – etwa Sexualität im Alter – waren solide, aber nicht die stärksten. Mein Eindruck: Die stärkste Resonanz entsteht, wenn das Gespräch wirklich „matcht“ – wenn Verbindung da ist und man sich ein Stück treiben lässt.

Wir BestAger: Gibt es eine Episode, die für dich persönlich besonders wichtig war?

Kaspar: Lieblingsepisode 2024 war ein Gespräch mit der Alternsforscherin Pasqualina Perrig-Chiello über Paarbeziehungen im Alter – sie hat das sehr praktisch und lebensnah eingeordnet. Sehr prägend waren auch Gespräche mit den Philosoph:innen Ina Schmidt über Freundschaft und mit Christian Uhle über Sinn im Alter. Das sind Gespräche, die ich mir selbst gerne wieder anhöre.

Buch „Die größte Reise deines Lebens“: Worum geht es, für wen, was ist neu daran?

Wir BestAger: Du veröffentlichst demnächst ein Buch mit dem Titel und Untertitel: „Die größte Reise deines Lebens – Mit Gelassenheit älter werden“. Was ist diese „Reise“?

Kaspar: Für mich ist es die größte Reise, weil die größten Herausforderungen noch vor uns liegen: loslassen, Abschied nehmen, sich versöhnen. Erik Erikson nennt das Ich-Integrität – also auf das Leben schauen und sagen können: Ja, da waren Fehler, aber ich kann mich damit versöhnen. Dazu kommt eine zweite Ebene, die spiritueller ist: Im hohen Alter geht es stärker um Vertrauen in etwas Größeres – wie auch immer man das für sich nennt. Diese Transformation ist anders als frühere Lebensaufgaben.

Wir BestAger: Du kombinierst persönliche Szenen und einen essayistisch-philosophischen Teil. Was willst du damit ermöglichen, was reine Ratgeber nicht schaffen?

Kaspar: Ich wollte keinen reinen Ratgeber produzieren. Im Buch gibt es einen literarischen Erzählstrang (meine Geschichte) und dazwischen stärker gerontologische, philosophische, psychologische Passagen – gespeist aus dem, was ich in den Podcastgesprächen gelernt habe. So kann ich meine Geschichte unmittelbar in Beziehung setzen zu dem, was Forschung und andere Stimmen zeigen. Zusätzlich gibt es QR-Codes, über die man Inhalte vertiefend hören kann – eine Art „multimediales“ Buch mit mehreren Erzählspuren.

Wir BestAger: Für wen hast du das Buch geschrieben – und wer sollte es besonders früh lesen?
Kaspar: Ich habe es auch für mich geschrieben. Als Zielgruppe sehe ich Menschen etwa 60+ bis 75. Spannend ist: Auch jüngere Menschen fanden es interessant, weil viele Lebensfragen nicht erst im Alter relevant sind, sondern an Bedeutung gewinnen.

Wir BestAger: Wie lange hast du daran gearbeitet – und welche Rolle spielte KI?

Kaspar: Vom Anfragen des Verlages bis zur Fertigstellung waren es grob anderthalb Jahre. Ich habe Schreibklausuren gemacht – mehrere Wochen, in denen ich täglich viele Stunden am Buch gearbeitet habe. KI habe ich punktuell genutzt: für Synonyme und um Podcast-Transkripte nach relevanten Inhalten zu durchsuchen.

Wir BestAger: Wenn jemand nur einen Gedanken mitnimmt: Welcher wäre das?

Kaspar: Mein liebster Gedanke ist: behutsamer mit sich sein, gütiger mit sich umgehen. Wenn alte Leistungs-Glaubenssätze wieder anspringen, geht es nicht darum, sich abzuwerten, sondern zu erkennen: „Ah, da ist es wieder.“ Und dann eine „Ehrenrunde“ zu drehen – nochmal hinschauen, neu entscheiden, was wirklich gut tut. Das ist innere Arbeit.

Wir BestAger: Du spendest 50 % deines Autoren-Honorars an Silbernetz e. V. – warum?

Kaspar: Ich kenne die Gründerin Elke Schilling und ihre Motivation: ein anonymes Telefonangebot für Menschen, die sich einsam fühlen – mit gut geschulten Gesprächspartner:innen, die oft selbst älter sind. Ich muss mit dem Buch kein Geld verdienen und wollte bewusst etwas zurückgeben. Und ich glaube, Einsamkeit wird eines der großen Themen der Babyboomer im Alter sein.

Buchdaten 

Titel: Die größte Reise deines Lebens
Erscheinungsdatum: 4. April 2026
Untertitel: Mit Gelassenheit älter werden
Autor: Bertram Kasper
Verlag: Now Verlag
ISBN: 3689690889

🔗 Die größte Reise deines Lebens – das Buch.

Zum Schluß

Wir BestAger: Wenn du unserer Community einen Satz mitgeben könntest: Was wäre ein realistischer erster Schritt Richtung gelassen älter werden – ab morgen?

Kaspar: Seid euch selbst ein guter Freund.

Wir BestAger: Wo findet man dich – und was ist dein nächstes Projekt?
Im Podcast, über das Buch – und danach will ich erst einmal durchschnaufen. Gleichzeitig habe ich gemerkt, wie viel Freude mir Schreiben macht: Ich habe begonnen, an einem Roman zu arbeiten. Das Grundthema: Bin ich liebenswert und werde ich geliebt, auch ohne Leistung? Einen festen Zeithorizont setze ich mir dafür nicht.

🔗 Gelassen Älter werden – der Podcast.

🔗 Die größte Reise deines Lebens – das Buch. Erscheint am 7. April 2026.

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