Einsamkeit

Einsamkeit ist mehr als Alleinsein – ein Interview mit Karin Gutiérrez-Lobos

Die Wiener Psychiaterin Karin Gutiérrez-Lobos erklärt, was Einsamkeit ist, warum sie krank machen kann – und was Betroffene, Umfeld und Politik tun können.

Einsamkeit wird oft mit Alter gleichgesetzt. Doch so einfach ist es nicht – weder in der Forschung noch in der Lebensrealität. Einsamkeit kann mitten im Alltag auftreten: in Beziehungen, im Job, in der Familie. Und sie kann – wenn sie chronisch wird – psychisch und körperlich belasten.

Wir sprechen darüber mit Ao. Univ. Prof.in Karin Gutiérrez-Lobos, Psychiaterin, Neurologin und Psychotherapeutin. Und sie ist unter anderem auch Initiatorin der „Plattform gegen Einsamkeit“.
https://plattform-gegen-einsamkeit.at/

Sie verbindet medizinische Perspektive mit gesellschaftlichem Blick – und erklärt, warum Einsamkeit ein ernstzunehmendes Warnsignal ist, welche Faktoren wirklich zählen und wo wir als Umfeld und als Gesellschaft ansetzen können.

Worum geht es in diesem Interview?
Um die klare Unterscheidung von Einsamkeit und Alleinsein, um Risiken chronischer Einsamkeit – und um konkrete Hebel, die im Alltag und in Strukturen wirken können.

INHALTSVERZEICHNIS

Karin Guiterrez-Lobos

Ao. Univ. Prof.in iR Dr.in Karin Gutierrez-Lobos ist Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie sowie Psychotherapeutin. Als ehemalige Oberärztin an der Universitätsklinik für Psychiatrie Wien verfügt sie über langjährige klinische Erfahrung. Sie ist Autorin zahlreicher wissenschaftlicher Publikationen und Vortragende; ihre Schwerpunkte liegen in der Sozialpsychiatrie und der forensischen Psychiatrie.

Von 2007 bis 2015 war sie Vizerektorin der Medizinischen Universität Wien, anschließend ärztliche Direktorin der Klinik Landstraße. Von 2004 bis 2023 moderierte sie die Wissenschaftssendung „Radiodoktor“ auf Österreich 1. 2021 war sie Mitinitiatorin der Plattform gegen Einsamkeit. Zudem leitet sie eine Kommission der Volksanwaltschaft im Bereich der präventiven Menschenrechtskontrolle.

Wer ist Karin Gutiérrez-Lobos?

Wir BestAger: Wenn Sie sich in zwei, drei Sätzen vorstellen: Was sollen unsere Leser:innen über Sie wissen?

Gutierrez-Lobos: Ich bin im „Unruhestand“ – das ist mir wichtig. Ich habe meinen Beruf als Psychiaterin und Psychotherapeutin immer sehr gern ausgeübt, und ich wollte ihn auch ganz bewusst: Deshalb habe ich Medizin studiert. Gleichzeitig habe ich mich neben der Medizin immer auch auf gesellschaftlicher und gesellschaftspolitischer Ebene engagiert.

Wir BestAger: Gab es frühe Erfahrungen oder Menschen, die Sie besonders geprägt haben – fachlich oder persönlich?

Gutierrez-Lobos: Da gab es viele, in unterschiedlichen Lebensabschnitten und mit unterschiedlichen Inhalten – beruflich wie privat. Durch verschiedene Aufgaben und Rollen sind auch unterschiedliche Menschen wichtig geworden. Eine einzelne „Leitfigur“ kann ich nicht herausgreifen.

Wir BestAger: Sie leben in Wien. Was bedeutet Ihnen diese Stadt heute – auch als sozialer Raum?

Gutierrez-Lobos: Ich reise viel, und Wien hat im Vergleich zu vielen anderen Großstädten enorme Vorteile: Es ist eine sichere Stadt, die Serviceleistungen der Stadt Wien sind hoch, und es gibt eine große Vielfalt – kulturell wie in den Angeboten. Die Lebensqualität ist außergewöhnlich, gerade für eine Großstadt. Ich komme immer gern nach Wien zurück.

Was ist Einsamkeit – und wie unterscheidet sie sich vom Alleinsein?

Wir BestAger: Wie definieren Sie Einsamkeit – und worin unterscheidet sie sich von Alleinsein?

Gutierrez-Lobos: Alleinsein ist zunächst ein Zustand: Ich bin allein zu Hause, es ist niemand da. Einsamkeit ist etwas anderes: Sie ist die schmerzhafte Diskrepanz zwischen den sozialen Beziehungen, die ich habe, und jenen, die ich mir wünsche. Und ganz wichtig: Man kann sich auch in Gesellschaft einsam fühlen – in der Familie, in der Partnerschaft, im Büro. Einsamkeit ist kein Synonym für „allein“.

Wir BestAger: Was ist das Wesentliche an dieser Definition – was sollten Leser:innen unbedingt verstehen?

Gutierrez-Lobos: Einsamkeit ist ein subjektives Gefühl. Das ist zentral. Davon zu unterscheiden ist soziale Isolation: die objektive Abwesenheit von Kontakten oder Möglichkeiten – etwa in einem Lockdown. Einsamkeit meint den inneren Schmerz, nicht nur die äußere Situation.

Chronische Einsamkeit: Ursachen, Folgen und Warnsignale

Wir BestAger: Sie nennen Einsamkeit ein Warnsignal. Was heißt das praktisch – und wann wird sie gefährlich?

Gutierrez-Lobos: Einsamkeit hat einen Aufforderungscharakter – ähnlich wie Hunger oder Durst. Wenn ich Durst habe, ist das ein Signal zu trinken. Einsamkeit signalisiert: Ich sollte mich wieder verbinden. Gefährlich wird es, wenn Einsamkeit chronisch wird – wenn Menschen über Monate oder Jahre darunter leiden und kaum mehr herausfinden. Die gravierenden gesundheitlichen und sozialen Folgen betreffen vor allem diese chronische Einsamkeit.

Wir BestAger: Wie entsteht chronische Einsamkeit – und warum ist der Ausstieg oft so schwer?

Gutierrez-Lobos: Ein Modell aus der Hirnforschung beschreibt einen Kreislauf: Das Einsamkeitsgefühl ist da – und eigentlich sollte ich mich verbinden. Gleichzeitig zieht man sich zunächst etwas zurück, um zu prüfen: „Freund oder Feind?“ Bei manchen Menschen verstärkt sich diese Vorsicht zu einer Überwachsamkeit und zu Misstrauen. Man sieht dann eher das Negative, blendet Positives aus, zieht sich weiter zurück – ein Teufelskreis. Der Selbstwert sinkt, das Vertrauen nimmt ab, und es wird zunehmend schwer, wieder Anschluss zu finden.

Einsam im Alter

Einsamkeit in verschiedenen Lebensphasen

Wir BestAger: Viele verbinden Einsamkeit automatisch mit Alter. Warum ist dieses Bild zu simpel?

Gutierrez-Lobos: Weil Einsamkeit in unterschiedlichen Lebensphasen auftreten kann – besonders bei Veränderungen im Lebenslauf: Übersiedlung, neuer Arbeitsplatz, neue Schule, neue Umgebung. In der Jugend kennt das fast jeder. Meist reguliert sich das nach Tagen oder Wochen. Problematisch wird es, wenn das Herausfinden nicht mehr gelingt.

Wir BestAger: Warum zeigen Erhebungen teils höhere Werte bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen als bei Älteren?

Gutierrez-Lobos: Die Pandemie hat bei Jugendlichen wie ein Verstärker gewirkt. Diese Lebensphase lebt von Ausprobieren, Freundschaften, Identitätsentwicklung, Ablösung von der Familie – genau das war stark eingeschränkt. Interessant ist: Bei Jüngeren geht das Einsamkeitsgefühl offenbar langsamer zurück als bei Älteren. Ältere haben oft stabilere Beziehungen und mehr Instrumente, mit Schwierigkeiten umzugehen – auch wenn es für Ältere selbstverständlich ebenfalls harte Situationen gibt.

Wir BestAger: Gibt es einen klaren Stadt–Land-Unterschied? Wenn nicht: Was zählt wirklich?

Gutierrez-Lobos: Entscheidend ist weniger „Stadt oder Land“ als die Frage, ob es niederschwellige Treffpunkte gibt – also Orte wie Kaffeehaus, Supermarkt, Bank, Wege ins Zentrum, Möglichkeiten zufälliger Begegnung. Auch in Städten kann man „weit weg“ sein, und in ländlichen Regionen können Treffpunkte verschwinden. Es hängt stark davon ab, wie erreichbar soziale Knotenpunkte sind.

Wir BestAger: Welche psychischen Folgen sehen Sie am häufigsten – und worauf würden Sie früh achten?

Gutierrez-Lobos: Hinweise können allgemeine Veränderungen sein: Rückzug, schlechtere Erreichbarkeit, Schlaflosigkeit, mehr Substanzkonsum, zunehmende Lebensunzufriedenheit. Wissenschaftlich ist das Risiko für Depressionen erhöht, ebenso für Angstsymptome und Suizidalität. Wichtig ist auch: Diese Erkrankungen dauern dann häufig länger und sind schwerer. Gleichzeitig gilt: Psychische Erkrankungen können ihrerseits Einsamkeit auslösen – das kann sich gegenseitig aufschaukeln.

Wir BestAger: Welche körperlichen Risiken sind gut belegt – und warum wirkt Einsamkeit so stark?

Gutierrez-Lobos: Es gibt sehr gute Studien, die zeigen: Das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen kann deutlich erhöht sein – genannt wird bis zu 30%. Dazu kommen Effekte auf Immunsystem und Gesundheitsverhalten: schlechterer Schlaf, mehr Stress, weniger Bewegung, ungünstigere Ernährung, Substanzmissbrauch. Man geht davon aus, dass chronische Einsamkeit wie chronischer Stress wirkt – und darüber viele dieser Folgen vermittelt. Umgekehrt kann soziale Verbundenheit Risiken wieder reduzieren.

Einsamkeit als gesellschaftliche und politische Herausforderung

Wir BestAger: Warum ist Einsamkeit auch eine gesellschaftliche und politische Frage?

Gutierrez-Lobos: Weil chronische Einsamkeit mit Misstrauen und Rückzug zusammenhängt – und das kann sich auf gesellschaftliche Teilhabe auswirken. Betroffene haben oft weniger Vertrauen in Institutionen, fühlen weniger Selbstwirksamkeit und beteiligen sich seltener, etwa an Wahlen. Einsamkeit ist also keine rein private Angelegenheit.

Wir BestAger: Wie zeigt sich Einsamkeit bei Menschen 50+ – und warum ist Prävention hier wichtig?

Gutierrez-Lobos: Statistisch ist diese Gruppe oft noch relativ gut aufgestellt. Trotzdem lohnt Prävention: Übergänge wie der Pensionsantritt sind eine Schwelle. Es hilft, wenn man früh überlegt, wie Aktivität, Sinn und Anschluss nach dem Berufsleben aussehen können – in einem Rahmen, den man selbst steuert.

Wir BestAger: Welche Übergänge sind besonders heikel – und was brauchen Betroffene dann?

Gutierrez-Lobos: Schwellen sind etwa Pension, der Verlust eines Partners, eigene Einschränkungen oder Erkrankungen. Es hilft, ein Bewusstsein zu schaffen: Das Gefühl ist nicht peinlich oder Versagen, und es gibt Angebote – Gruppen, Gespräche, Unterstützung. Entscheidend ist, darüber zu sprechen und Angebote sichtbar zu machen.

Wir BestAger: Welche Rolle spielt die finanzielle Lage?

Gutierrez-Lobos: Im Kern geht es bei Einsamkeit auch um gesellschaftliche Teilhabe. Wenn ich mir vieles nicht leisten kann, schrumpfen Möglichkeiten – und das erhöht Risiken. Armut ist ein zentraler Einflussfaktor für Krankheit – körperlich und psychisch – und damit auch für Einsamkeit. Niederschwellige, kostengünstige Angebote und zugängliche Orte sind daher wichtig.

Einsam, was tun?

Wege aus der Einsamkeit – Begegnung schafft Verbindung

Wir BestAger: Sie sagen: „Begegnung braucht Raum.“ Was meinen Sie damit?

Gutierrez-Lobos: Gemeint sind Orte, die leicht erreichbar, sicher, angenehm und zugänglich sind – Orte, an denen man sich wohlfühlen kann. Dieser geografische Raum schafft auch einen gedanklichen und emotionalen Raum: die Möglichkeit, wieder in Kontakt zu kommen.

Wir BestAger: Was sind Maßnahmen, die in der Praxis funktionieren – auch für Menschen, die nicht ohnehin aktiv sind?

Gutierrez-Lobos: Es braucht Information und Sensibilisierung. Viele kennen Angebote gar nicht. Kommunikation ist zentral – nicht als „nice to have“, sondern Voraussetzung, dass Hilfe erreichbar wird. Sinnvoll sind Modelle wie Social Prescribing, wo Ärzt:innen gezielt zu sozialen Angeboten verweisen – idealerweise mit Begleitung beim ersten Schritt.

Wir BestAger: Was kann man als Umfeld tun – ohne zu beschämen oder zu überfahren?

Gutierrez-Lobos: Einsamkeit ist stigmatisiert und schambesetzt. Ich würde nicht sagen: „Sie sind einsam.“ Besser sind kleine, konkrete Einladungen wie: „Wollen Sie auf einen Kaffee kommen?“ oder „Ich gehe einkaufen – soll ich etwas mitbringen?“ Wichtig ist Vertrauen und Dranbleiben, auch wenn jemand zuerst ablehnt.

Wir BestAger: Wo bringt ein Hebel kurzfristig am meisten – und was braucht langen Atem?

Gutierrez-Lobos: Kurzfristig hilft Sichtbarkeit, Gespräch und Entstigmatisierung. Langfristig sind Strukturen entscheidend: Orte der Begegnung, Teilhabe, Bildung und gesellschaftliche Rahmenbedingungen, die Verbindung fördern.

Die Plattform gegen Einsamkeit

Wir BestAger: Was war der Auslöser, eine Plattform gegen Einsamkeit zu initiieren – und was ist Ihre Zielsetzung?

Gutierrez-Lobos: Begonnen hat es während der Pandemie. Ich wusste aus meiner Arbeit, dass psychisch Kranke oft stark betroffen sind – und dieser Bedarf wurde sichtbarer. Ziel ist, zu vernetzen, sichtbar zu machen und Unterstützung zu bündeln, damit Menschen leichter Kontakte finden.

Wir BestAger: Wenn Sie drei klare Sätze mitgeben könnten: Was sollte jede und jeder über Einsamkeit wissen?

Gutierrez-Lobos: 
▶︎ Erstens: Einsamkeit ist ein subjektives Gefühl.
▶︎ Zweitens: Sie ist kein individuelles Versagen, sondern ein Zusammenspiel vieler Faktoren.
▶︎ Drittens: Darüber zu sprechen ist immer der erste Schritt.

Die „Plattform gegen Einsamkeit“

Die Plattform bündelt Wissen, Anlaufstellen und Angebote rund um das Thema Einsamkeit. Ziel ist es, Initiativen zu vernetzen, Unterstützung sichtbar zu machen und Betroffenen wie Angehörigen den Einstieg zu erleichtern – vom ersten Gespräch bis zu konkreten Begegnungsmöglichkeiten.

Beispiele für Angebote:

· Beratungs- und Hilfsangebote (telefonisch und online)
· Begegnungs- und Treffpunktangebote in Gemeinden und Städten
· Besuchs- und Nachbarschaftsinitiativen sowie ehrenamtliche Unterstützung
· Wissen & Materialien für Fachleute und Institutionen

➡ Link: https://plattform-gegen-einsamkeit.at/

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Mag. Ulrike Ischler

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