Dr. Peter Lechleitner

Dr. Peter Lechleitner im Interview – Gesundheit 60plus mit Augenmaß

Gesund leben, alles richtig machen, Risiken vermeiden, möglichst lange fit bleiben – noch nie wurde so viel über Gesundheit gesprochen wie heute. Gleichzeitig ist die Verunsicherung groß.

Prof. Dr. Peter Lechleitner, einer der erfahrensten Mediziner des Landes, plädiert für einen anderen Zugang: weniger Perfektionsdruck, mehr Augenmaß.

Im Gespräch mit Wir BestAger spricht er darüber, wie Gesundheit ohne Verlust an Lebensqualität gelingen kann, warum nicht jede Vorsorge automatisch sinnvoll ist und weshalb der vernünftige Kompromiss oft der bessere Weg ist.

Fotocredit Profilbild: Osttirol Journal

INHALTSVERZEICHNIS

Gesundheit 60Plus

Künftig wird Peter Lechleitner bei Wir BestAger regelmäßig über medizinische Themen schreiben, Orientierung geben. Wir freuen uns sehr, ihn an unserer Seite zu haben – als profunden Arzt, vielseitigen Künstler, klugen Autor und sympathischen Menschen, der zeigt, wie bereichernd es sein kann, wenn Wissen, Kreativität und Lebenserfahrung zusammenkommen.

Der erste Beitrag erscheint demnächst zum Thema “Langlebigkeit – was gesundes Altern wirklich fördert”

Peter Lechleitner: Der Mann hinter der Medizin

Mit Prof. Dr. Peter Lechleitner gewinnt Wir BestAger einen Experten, der nicht nur durch sein Wissen überzeugt, sondern auch durch seine besondere Art, auf Menschen und auf das Leben zu schauen. Die Medizin ist zweifellos sein großes Thema – sie begleitet ihn seit Jahrzehnten, sie hat seinen Blick geschärft und seine Haltung geprägt. Doch Peter Lechleitner auf den „Arzt“ zu beschränken, würde ihm nicht gerecht.

Auf seiner Website begegnet man ihm als „Peter Doc“: als Maler, Musiker und Autor. Da zeigt sich ein Mensch, der vieles in sich vereint – Intellekt und künstlerische Freiheit, Erfahrung und Neugier, Ernsthaftigkeit und Lebensfreude. Einer, der genau hinschaut, aber nicht belehrt. Einer, der viel weiß, ohne daraus Überlegenheit zu machen. Und einer, der Freude daran hat, immer wieder neue Ausdrucksformen zu finden.

Seine Bilder, seine Musik und seine Texte erzählen von einem Menschen, der sich mit der Welt auseinandersetzt – nicht laut, nicht selbstinszeniert, sondern aufmerksam. Man spürt darin einen kreativen Geist, der nicht stehen geblieben ist.

Gerade das macht ihn für Wir BestAger so passend: Er steht für Kompetenz, aber auch für Offenheit. Für Erfahrung, aber nicht für Stillstand. Für einen lebensnahen Blick auf Gesundheit und auf das Älterwerden.

Wer ist Prof. Dr. Peter Lechleitner

Wir BestAger: Peter, Du hast in deiner Laufbahn ungewöhnlich viele Bereiche der Medizin kennengelernt – als Internist, Kardiologe, Gastroenterologe, Intensivmediziner, Sportmediziner und Wissenschafter. Was hat deinen Blick auf Gesundheit über all diese Jahrzehnte am stärksten geprägt?

Lechleitner: Am stärksten geprägt haben mich in der Intensivmedizin die großen Fortschritte bei Herzerkrankungen und Infektionen, aber auch die Grenzen des Machbaren – etwa unabwendbare Krankheitsverläufe junger Menschen.

Ganz allgemein hat mich die Erfahrung geprägt, dass die konsequente Anwendung neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse viel bewirken kann und dass oft schon unspektakuläre, aber konsequente Risikoreduzierung eine relevante Lebensverlängerung bei hoher Qualität ermöglicht.

Oft waren es spektakuläre Krankengeschichten, auch aus dem engsten Umfeld, die bleibende Spuren hinterlassen haben.

Wir BestAger: Du hast auf höchstem medizinischem Niveau gearbeitet und gleichzeitig offenbar gelernt, einfachen „Gesundheitswahrheiten“ zu misstrauen. Wann ist dir klar geworden, dass zwischen medizinischem Ideal und gelebtem Alltag oft eine große Lücke liegt?

Lechleitner: Das wird zum Beispiel dann deutlich, wenn es nicht gelingt, Menschen von der Wirksamkeit wichtiger medizinischer Erkenntnisse zu überzeugen oder sie von kostspieligen Scheintherapien abzuhalten.

Mir wurde klar, dass es wenig bringt, kompromisslos die jeweils gängige medizinische Heilslehre zu verkünden. Jeder hat das Recht, so zu leben, wie er oder sie will, solange anderen nicht geschadet wird. Ewiges und dauerhaft gesundes Leben kann ich als Arzt ohnehin nicht garantieren.

Wir BestAger: Dein Ansatz heißt „Gesundheitskompromiss“. Was genau meinst du damit – und warum ist Perfektion aus deiner Sicht oft nicht die beste Lösung?

Lechleitner: Damit meine ich, erreichbare Ziele zu setzen und die dafür notwendigen Verhaltensänderungen zu ritualisieren. Das beeinflusst mindestens 50 Prozent unseres Schicksals positiv.

Am besten funktioniert es, mit 80 Prozent zufrieden zu sein, wenn das Programm dafür besser durchgehalten werden kann. An 100-Prozent-Zielen, die sich ohnehin oft ändern, scheitern viele, geben auf und lassen am Ende auch kleinere Ziele fallen.

Sobald die Lebensfreude ernsthaft leidet, gerät selbst das beste Gesundheitsprogramm in Gefahr. Genauso wesentlich ist es, Wichtiges von weniger Wichtigem zu unterscheiden. Weniger Wichtiges zu optimieren, ist Perfektion – und Perfektion ist oft ein echter Spaßkiller. Deshalb gilt für mich: Das Perfekte ist der Feind des Guten.

„Peter Doc“ ist Kardiologe, Maler, Musiker und Autor. 

Wir BestAger: Was verbirgt sich hinter „Peter Doc“? Erzähl uns bitte noch etwas über dich und deine Leidenschaften abseits der Medizin.

Lechleitner: Ich war und bin seit 45 Jahren Internist und Allgemeinmediziner mit breiter Ausbildung. Ich war am Aufbau der Internistischen Intensivmedizin an der Klinik Innsbruck maßgeblich beteiligt und 26 Jahre Primarius der Internen Abteilung am Krankenhaus Lienz. Mein Forschungsschwerpunkt waren Herzinfarkt und Lungenembolie; mit diesem Bereich habe ich mich habilitiert.

Daneben habe ich ein Medical Center in Lienz geführt, das neben einem kardiologischen Schwerpunkt sportmedizinische Bereiche, einen Wirbelsäulenschwerpunkt, TCM und komplementäre Krebstherapie umfasste. Als ärztlicher Leiter, Landessanitätsrat, Vizepräsident der Tiroler Ärztekammer und allgemein beeideter gerichtlich zertifizierter Sachverständiger konnte ich tiefe Einblicke in die Funktionsweise unseres Gesundheitssystems gewinnen.

„Peter Doc“ ist ein Künstlername, der sich auf meine Musikproduktionen als Singer-Songwriter, auf den Buchautor und auf meine Arbeiten in der bildenden Kunst bezieht. Als Musiker wurde ich an der Posaune ausgebildet; aktuell sind Gitarre und Klavier meine Instrumente. Gelegentlich spiele ich noch mit meiner seit fünfzig Jahren bestehenden Band.
Mehr zu Peter Doc Lechleitner: https://www.peterlechleitner.com/

Sonst liebe ich – als ehemaliger Leistungssportler – gemütlichen Sport diesseits der Schmerzgrenze, also E-Bike, Golf und Genusswandern, außerdem Kunstausstellungen, Konzerte fast aller Genres und Wein. Auch dort habe ich eine intensivere Ausbildung an der Weinakademie hinter mir und erforsche den gesundheitlichen Aspekt des guten Tropfens. Es gilt aber auch hier: Die Dosis macht das Gift. Die WHO-Kampagne „Jeder Tropfen schadet“ mag gut gemeint sein, steht wissenschaftlich aber auf tönernen Beinen und ignoriert den sozialen Kontext des Getränks.

Wir BestAger: Hat sich dein persönlicher Blick auf Gesundheit mit dem Älterwerden verändert?

Lechleitner: Ja – mit zunehmendem Bewusstsein der Endlichkeit, mancher körperlicher Limits und zunehmenden „Einschlägen“ im näheren Bekanntenkreis.

Warum Gesundheit 50plus keinen Perfektionsdruck braucht

Wir BestAger: Gesundheitsratgeber, Studien, Trends und Expertentipps gibt es heute im Übermaß. Warum macht uns das Thema Gesundheit trotz all dieses Wissens oft eher unsicher als souverän?

Lechleitner: Weil es zunehmend schwieriger wird, relevante von irrelevanter Information zu unterscheiden. Ebenso schwer ist oft zu erkennen, was hohe gesundheitliche Effizienz hat und was hauptsächlich ein – angeblich wissenschaftlich begründetes – Geschäftsmodell ist.

Letzteres funktioniert, ähnlich wie in der Politik, besonders gut, wenn es für komplexe Probleme einfache und emotional betonte Lösungen anbietet.

Wir BestAger: Du sagst sinngemäß: Das Perfekte ist der Feind des Guten. Was läuft in unserer heutigen Gesundheitskultur aus deiner Sicht aus dem Ruder?

Lechleitner: Schwachpunkte sehe ich mehrere: Prävention zählt kaum, Arztkontakte sind oft zu spät, dann aber zu häufig. Dazu kommen kompromisslose Expertengläubigkeit statt Hausverstand sowie Unter- oder Überversorgung – nicht nach Bedarf, sondern nach Abrechnungsmodell.

Trotzdem fehlt in einem gut finanzierten, aber oft ineffizienten System die Reformbereitschaft. Oder anders gesagt: Es fehlt häufig die Fähigkeit, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden. Dieses fehlende Maß wird durch eine lobbygesteuerte Informationswelt zusätzlich befeuert.

Wir BestAger: Was ist der größte Irrtum, den viele Menschen über gesundes Leben mit sich herumtragen?

Lechleitner: Ein großer Irrtum lautet: Alles ist Schicksal. Der Gegenirrtum lautet: Alles ist machbar. Beides stimmt nicht.

Wir BestAger: Warum fällt es selbst gut informierten Menschen oft so schwer, vernünftige Gesundheitsentscheidungen dauerhaft umzusetzen?

Lechleitner: Weil Information nur die Voraussetzung, aber noch nicht die Erfüllung eines vernünftigen Plans ist – und weil wir eben Menschen und keine Maschinen sind.

Welche Gesundheitsfaktoren ab 50 wirklich zählen

Wir BestAger: Wie sieht für dich ein realistischer, alltagstauglicher Gesundheitsstil für Menschen 50plus aus – also einer, der wirklich durchhaltbar ist, ohne dass das Leben nur noch aus Verzicht besteht?

Lechleitner: Ein realistischer, alltagstauglicher Gesundheitsstil für Menschen 50plus beginnt mit der Vermeidung der echten Killer: Bewegungsmangel, Fettleibigkeit, Rauchen und soziale Isolation.

Von Vorteil sind Lebenssinn, Gelassenheit, Freiheit von Neid und Habgier, Musik- und Kunstgenuss, fallweise Gesundheitschecks zur Kenntnis und Einstellung der Risikofaktoren sowie Dehnungs-, Kraft- und Gleichgewichtsübungen zu Hause. Sinnvoll kann auch eine zweiwöchige Fastenkur sein.

So gut es geht vermeiden sollte man stark verarbeitete Lebensmittel, Fahrstuhl und Rolltreppe, Doktorshopping, Hitze, Unabkömmlichkeit und negative Freunde.

Wir BestAger: Wenn man alles Nebensächliche einmal weglässt: Welche wenigen Faktoren machen für Gesundheit, Lebensqualität und Langlebigkeit tatsächlich den größten Unterschied?

Lechleitner: Wenn man alles Nebensächliche weglässt, sind das genau die großen Hebel.

Wir BestAger: Du sprichst von den großen Risikofaktoren wie Rauchen, Übergewicht, Alkohol und Bewegungsmangel. Welcher davon wird deiner Beobachtung nach am häufigsten unterschätzt oder schöngeredet?

Lechleitner: Eindeutig: Bewegungsmangel und soziale Isolation.

Wir BestAger: Welche Gesundheitswerte sollte man ab der Lebensmitte wirklich kennen – und wo beginnt aus deiner Sicht schon eine übertriebene Selbstvermessung?

Lechleitner: Wichtige Werte sind der Blutdruck aus mehreren Messungen zu Hause, die Blutfette – vor allem LDL-Cholesterin und Lipoprotein(a) –, der Blutzucker, die individuelle Gewichtsobergrenze, ab der korrigiert werden sollte, sowie das persönliche Bewegungs-Soll.

Smart Wearables können hilfreich sein, etwa bei Rhythmusstörungen oder als Schrittzähler. Sie verleiten aber auch zu ständiger Selbstvermessung – etwa durch tägliche mehrmalige Blutdruckmessung oder dauernde Stresslevelmessungen – und damit verbundener Demotivation. Maßhalten ist auch hier der Königsweg.

Welche Vorsorge ab 50 wirklich sinnvoll ist

Wir BestAger: Vorsorge gilt fast automatisch als sinnvoll. Woran erkennt man, ob eine Maßnahme oder Untersuchung wirklich etwas bringt – oder eher Teil eines medizinischen Geschäftsmodells ist?

Lechleitner: Ein wichtiges Kriterium ist die NNT, die „number needed to treat“. Diese Maßzahl gibt an, wie viele Personen eine Maßnahme über einen bestimmten Zeitraum – meist fünf Jahre – durchführen müssen, um einen zusätzlichen Krankheitsfall, etwa Herzinfarkt oder Schlaganfall, zu verhindern. Je niedriger die NNT, desto wirksamer die Maßnahme.

Bei der Vermeidung klassischer Risikofaktoren liegen die Zahlen meist zwischen 20 und 60, wobei der Rauchstopp den größten Hebel hat. Man darf diese Zahlen aber nicht isoliert betrachten. Das Schöne – und Tückische – an der Prävention ist der kumulative Effekt: Wer raucht und einen unbehandelten oder nicht ausreichend behandelten Bluthochdruck hat, dessen Risiko addiert sich nicht nur, es multipliziert sich oft. Umgekehrt senkt eine Kombination aus Bewegung, Nichtrauchen und guter Ernährung das Gesamtrisiko so stark, dass die kombinierte NNT extrem niedrig wird. Das Risiko sinkt um rund 50 Prozent.

Zum Vergleich: Bei Gesunden, die Nahrungsergänzungsmittel rein zur Lifestyle-Prävention nehmen, also ohne krankhafte Mangelzustände, liegt die NNT im günstigsten Fall bei über 500 oder ist gar nicht messbar. Viel Aufwand und Geld für fast nichts – außer Gewissensberuhigung.

Bei vielen Vorsorgeuntersuchungen sieht es ähnlich aus. Deshalb gilt die Konzentration auf die effizientesten Maßnahmen: Darmspiegelung ab 45, alle zehn Jahre, wenn nichts gefunden wird; Pap-Abstrich für Frauen alle drei Jahre; Blutlabor alle drei Jahre, sofern Beschwerdefreiheit und keine chronische Erkrankung vorliegen; Mammographie alle zwei Jahre bis 70; Hautscreening zumindest einmal und danach abhängig vom Befund; PSA-Test (Bluttest zur Früherkennung von Prostatakrebs) nicht generell, sondern wegen möglicher Kollateralschäden individuell mit dem Arzt besprechen.

Für den gesunden BestAger gilt grob: ein ausführlicher Gesundheitscheck alle zwei bis drei Jahre. Aber mehr ist nicht besser. Ein zu kurzes Intervall erhöht den Nutzen kaum, vergrößert aber mögliche Kollateralschäden – etwa durch unnötige Biopsien, Strahlenbelastung bei Computertomographien oder psychische Belastung durch Fehlalarme. In der Präventionsmedizin gilt: so oft wie nötig, so selten wie möglich.

Wie Ernährung, Genuss und Gesundheitsmythen einzuordnen sind

Wir BestAger: Du argumentierst nicht asketisch, sondern lebensnah. Wie viel Genuss verträgt ein gesunder Lebensstil – und ab wann kippt das Ganze in ein echtes Risiko?

Lechleitner: In der Präventionsmedizin neigen wir oft dazu, den Menschen die Freude am Dasein wegzuanalysieren. Aber was bringt uns ein biologisch perfekter Körper, wenn die Seele dabei leidet?

Ein gesunder Lebensstil ist kein Sprint zur Perfektion, sondern ein Marathon der Beständigkeit. Das Ganze kippt in ein echtes Risiko, wenn der „Genuss“ zur Bewältigungsstrategie wird.

Wir sprechen oft von der 80/20-Regel. Wenn man sich zu 80 Prozent sinnvoll ernährt, bewegt und regelmäßig schläft, verzeiht der Körper die restlichen 20 Prozent Eskapaden – die Pizza, den Schweinsbraten, den ausgiebigen Abend mit Freunden, das Faulenzen oder die eine Zigarre – meist klaglos. Kritisch wird es, wenn Genussmittel keine Highlights mehr sind, sondern eine Notwendigkeit, um den Tag zu überstehen. Chronische Entzündungswerte und Stoffwechselparameter reagieren nicht auf das eine Glas Wein, sondern auf die Summe der täglichen Nachlässigkeiten.

Wir BestAger: Gerade beim Thema Ernährung herrscht beinahe Glaubenskrieg: vegan, vegetarisch, Fasten, Supplements, Low Carb, Abnehmspritzen. Was ist aus deiner Sicht seriös – und was eher Mode oder Übertreibung?

Lechleitner: Kurz gesagt: Vegan ist ein philosophisches, kein Gesundheitskonzept.
Vegetarische Ernährung und Fasten sind sinnvoll und gesund.
Supplements sind selten notwendig und noch seltener präventiv wirksam.
Low Carb kann vor allem als Formeldiät beim Abnehmen sinnvoll sein.
Abnehmspritzen sind für adipöse Menschen ein Segen, als Lifestyle-Präparat aber nicht zu empfehlen – wobei es sie bald auch als Tabletten geben wird.

Wir BestAger: Eine Frage mit einem Augenzwinkern, aber durchaus ernst gemeint: Espresso, grüner Tee oder ein Glas Rotwein – wie lautet deine Antwort, wenn man Gesundheit und Lebensfreude zusammendenken will?

Lechleitner: Alle drei können das Leben bereichern und bei moderater Anwendung ein wenig verlängern. Wichtig ist dabei auch das Trinkmuster: am besten in Gesellschaft und ohne inneren Zwang.

Wir BestAger: Wo beobachtest du derzeit die größten Missverständnisse rund um Ernährung, verarbeitete Lebensmittel und vermeintlich gesunde Lifestyle-Produkte?

Lechleitner: Vegetarische Ernährung ist gesund, einer fleischreduzierten, pflanzenbetonten Mischkost mit Vermeidung stark verarbeiteter Lebensmittel wie Wurst, Speck und Fertigprodukten aber nicht überlegen. Die besten Daten gibt es für die mediterrane Kost.

Vegan ist eine Philosophie, aber nicht automatisch gesund. Gerade ältere Menschen brauchen wegen des automatischen Muskelabbaus eine eiweißreiche Ernährung. Der Kohlenhydratanteil, insbesondere der Zuckeranteil in unserer Nahrung, ist zu hoch.

Gluten- und laktosefreie Produkte sind manchmal notwendig, aber deutlich seltener als praktiziert. Als Lifestyle-Kost sind sie sinnlos. Low-Fat-Produkte sind oft ein Etikettenschwindel, weil Fett durch Zucker ersetzt wird, um die theoretische Kalorienzahl zu reduzieren.

Wann moderne Medizin hilft – und wann weniger mehr ist

Wir BestAger: Du kennst die moderne Medizin aus nächster Nähe. Was kann sie heute beeindruckend gut – und wo schießt sie manchmal über das Ziel hinaus?

Lechleitner: Die Intensiv- und Notfallmedizin hat sich sehr gut entwickelt, die Sterblichkeit an Herz-Kreislauf-Erkrankungen hat sich erheblich reduziert, die Krebsmedizin macht jährlich große Fortschritte, und die Chirurgie ist präziser und sicherer geworden.

Sie kann aber auch überschießend eingesetzt werden, zum Beispiel bei diversen Operationen am Skelettsystem. Gleichzeitig erleichtert die Palliativmedizin ein beschwerliches Lebensende.

Auf der anderen Seite stehen Überdiagnostik mit an sich wichtigen, aber oft zu viel eingesetzten Untersuchungen – etwa CT, MR, Herzkatheter oder unsinnige Laborbefunde – und die daraus entstehende Übertherapie.

Wir BestAger: Ein wichtiges Thema bei dir ist Überdiagnostik. Wann wird gut gemeinte Medizin zur Belastung, weil sie mehr Angst, Nebenwirkungen oder Kollateralschäden erzeugt als Nutzen?

Lechleitner: Ein Beispiel ist das Ganzkörper-MRT ohne Beschwerden: Man findet fast immer etwas, das dann weiterverfolgt wird und manchmal unnötige Eingriffe mit Kollateralschäden zur Folge hat.

Dann hilft es, eine zweite Meinung eines erfahrenen Arztes einzuholen. Oder noch besser: die Untersuchung gar nicht erst zu machen.

Wir BestAger: Viele Menschen 50plus nehmen mehrere Medikamente. Wann sind Medikamente unverzichtbar – und wann beginnt die problematische Polypharmazie?

Lechleitner: Bluthochdruck, relevante Fettstoffwechselstörungen, Herzschwäche, Blutverdünnung bei Vorhofflimmern und nach Thrombosen, Diabetes, Autoimmunerkrankungen und natürlich Krebserkrankungen sind Beispiele für medikamentöse Therapien mit nachgewiesener Lebensverlängerung und relevanter Verbesserung der Lebensqualität.

Mehr als fünf verschiedene Medikamente sind aber selten notwendig und mit erheblicher Nebenwirkungsgefahr verbunden. Wenn das der Fall ist, sprechen Sie mit Ihrem Arzt mindestens einmal jährlich über eine mögliche Reduktion.

Dennoch gilt: Sterben Sie nicht den Medikamentenverweigererheldentod.

Wir BestAger: Du schließt seriöse komplementärmedizinische Verfahren nicht grundsätzlich aus. Wo kann so etwas eine sinnvolle Ergänzung sein – und wo ist für dich die rote Linie klar überschritten?

Lechleitner: Komplementär heißt nicht alternativ – das wird häufig verwechselt. Gefährlich wird es, wenn anstelle gut untersuchter und evidenzbasierter Therapien esoterische Konzepte angeboten werden. Diese werden meist mit faszinierenden Fallberichten, die oft nie überprüfbar sind, und mit Verschwörungstheorien als Wundermittel angepriesen und können Menschen arm machen.

Andererseits sind Hausmittel bei den meisten Virusinfekten nicht weniger wirksam und sicher oft besser als eine überbordende Antibiotikatherapie. Aber auch in der von mir favorisierten wissenschaftlich orientierten Medizin haben rund ein Drittel der angewandten Mittel keinen guten Evidenznachweis.

Komplementärmedizin ist dann gut, wenn sie als Zusatzmedikation die Lebensqualität verbessern kann und keinesfalls schadet. Ein Placeboeffekt ist dabei nicht generell abzulehnen. Insgesamt ist die Komplementärmedizin ein weites Feld – von Phytotherapie, TCM, anthroposophischer Medizin und Homöopathie bis zu Manualtherapie, hochdosierter Vitamintherapie oder Misteltherapie – mit mehr oder weniger gut untersuchten Strategien.

Wenn jemand so etwas anbietet, sollte eine solide Ausbildung vorliegen, idealerweise ergänzt durch wissenschaftliche Studien oder zahlreiche nachvollziehbare positive Erfahrungsberichte. Hilfreich ist auch die Faustregel: Was sich lange gehalten hat, hat eine größere Chance, hilfreich zu sein als jeder neue Wunder-Hype. Informationen aus KI-Systemen können nützlich sein, sollten aber mit dem eigenen Arzt besprochen werden.

Gefahr droht vor allem von sogenannten „Alternativmedizinern“ mit Sendungsbewusstsein und Verschwörungstheorien, die behaupten, Schulmedizin und Pharmaindustrie fürchteten die phantastische Wirksamkeit ihrer Methoden.

Wie Eigenverantwortung, Alter und KI die Medizin verändern

Wir BestAger: Wie viel unseres Gesundheitsverlaufs haben wir tatsächlich selbst in der Hand – und was bleibt am Ende doch Genetik, Zufall oder schlicht Lebensschicksal?

Lechleitner: Je nach Ausgangslage haben wir 50 bis 70 Prozent unseres Gesundheitsverlaufs selbst in der Hand.

Wir BestAger: Wo siehst du in der Medizin derzeit mehr Hype als echten Fortschritt?

Lechleitner: Mehr Hype als echten Fortschritt sehe ich derzeit bei Wundersupplementen als Ersatz für die Einhaltung der beschriebenen Gesundheitspfeiler und bei Anti-Aging-Versprechen, die Illusionen hinterherlaufen und die Vorzüge des Alterns zu einem unwürdigen Zustand erklären.

Wir BestAger: Du sprichst auch die KI-Revolution in der Medizin an. Was wird sich dadurch für Patientinnen und Patienten wirklich verbessern – und was wird auch in Zukunft nur mit menschlicher Erfahrung und Urteilskraft funktionieren?

Lechleitner: Diagnostik wird präziser, leichter zugänglich und sicherer. Therapie wird umfangreicher und ebenfalls sicherer.

Wie ich damit auf der menschlichen Ebene umgehe und was individuell noch zu berücksichtigen ist, wird uns die KI allerdings nicht sagen können.

Wir BestAger: Was macht dir mit Blick auf die Zukunft der Medizin Hoffnung – und was eher Sorge?

Lechleitner: Hoffnung geben mir Forschung und KI und der damit verbundene Fortschritt in Diagnostik und Therapie – auch in Bereichen, die bisher wenig beeinflussbar waren.

Sorge bereiten mir die Inakzeptanz sinnvoller Grenzen des Machbaren, damit verbundene zu hohe Ansprüche und Kosten zum Nachteil jener, die sich die Vorteile moderner Medizin nicht leisten können, sowie Geschäftsmodelle mit bescheidenem Nutzen.

Wir BestAger: Zum Schluss ganz persönlich: Was würdest du Menschen 50plus gern mitgeben, die gesund bleiben wollen, ohne in Selbstoptimierung, Gesundheitsstress oder Verbote abzurutschen?

Lechleitner: Ich komme wieder zurück zum Anfang: Entscheidend ist die Vermeidung der echten Killer – Bewegungsmangel, Fettleibigkeit, Rauchen und soziale Isolation.

Von Vorteil sind Lebenssinn, Gelassenheit, Freiheit von Neid und Habgier, Musikgenuss, fallweise Gesundheitschecks zur Kenntnis und Einstellung der Risikofaktoren sowie Dehnungs-, Kraft- und Gleichgewichtsübungen zu Hause. Auch eine zweiwöchige Fastenkur kann sinnvoll sein.

So gut es geht vermeiden sollte man stark verarbeitete Lebensmittel, Fahrstuhl und Rolltreppe, Doktorshopping, Hitze, Unabkömmlichkeit und negative Freunde.

Und wenn einiges daneben gegangen ist: Aufstehen, verzeihen und wieder anfangen.

Wir BestAger: Lieber Peter, vielen Dank für das Gespräch.

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Mag. Ulrike Ischler

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