Dr. Gabriele Domschitz - Von der Top-Managerin zur Präsidentin des Wiener Roten Kreuzes

Dr. Gabriele Domschitz, Präsidentin des WRK – Engagement und Verantwortung nach der Karriere

Lebenswege, die zeigen: Ruhestand ist nur ein Wort.

Sehr sympathisch, offen und kommunikativ – so erlebe ich Dr. Gabriele Domschitz bei unserem Treffen beim Internationalen Frauentag in der Wiener Hofburg. Wir kennen uns aus früheren beruflichen Zusammenhängen – vermutlich aus dem HR-Bereich – und es freut mich umso mehr, dass sie sofort bereit war, sich für ein Interview mit Wir BestAger Zeit zu nehmen.

Die Juristin und erfahrene Managerin war langjährige Vorstandsdirektorin der Wiener Stadtwerke. Dort verantwortete sie unter anderem die Wiener Linien sowie die Personalagenden des Konzerns. Parallel zu ihrer Karriere engagierte sie sich bereits im Präsidium des Wiener Roten Kreuzes – heute steht sie der Organisation als Präsidentin vor und gestaltet aktiv die Rahmenbedingungen für eine der wichtigsten sozialen Einrichtungen des Landes.

Ein Gespräch über Verantwortung, Lust am Gestalten und darüber, wie ein erfülltes Leben jenseits des Berufs aussehen kann.

Mit dieser Interviewreihe holen Wir BestAger Menschen vor den Vorhang, die auch nach ihrer Pensionierung aktiv sind, die gestalten – mit Erfahrung, Haltung und Lebensfreude. Denn die rund 30 Jahre nach dem Erwerbsleben verdienen mehr Sichtbarkeit, Sinn und Möglichkeiten.

Fotocredit: WRK / Markus Hechenberger

Inhaltsverzeichnis

1. Werdegang, Wandel und Motivation

Wir BestAger:

Frau Dr. Domschitz, Sie haben eine beeindruckende Karriere hinter sich. Welche Stationen waren für Sie besonders prägend?

Domschitz:

Jede Station war wichtig, sonst wäre ich heute nicht da, wo ich bin.
Besonders prägend waren aber sicher die zehn Jahre im Vorstand der Wiener Stadtwerke. Ich war für den gesamten Mobilitätsbereich verantwortlich – Wiener Linien, Lokalbahnen, Parkgaragen – sowie für Querschnittsthemen wie Recht, Innovation oder Nachhaltigkeit. Eine intensive, arbeitsreiche Zeit, aber auch unglaublich bereichernd. Ich habe Menschen getroffen, die ich sonst nie kennengelernt hätte, Reisen gemacht, neue Perspektiven gewonnen.

Und ich habe versucht, die Sichtweise der Mitarbeiter:innen zu erweitern: Der technische Fokus ist natürlich vorrangig, aber die Kundenperspektive muss unbedingt mitbedacht werden – wir sind für die Menschen da, nicht umgekehrt. Das war mir sehr wichtig.

Wir BestAger:

Sie waren schon in Ihrer aktiven Zeit beim Wiener Roten Kreuz engagiert. Was hat Sie damals motiviert – und wie ist Ihr Engagement heute?

Domschitz:

Ich habe das Rote Kreuz immer als unglaublich wertvolle Organisation erlebt – und das hat mich motiviert, Teil davon zu sein. In meiner aktiven Zeit war ich Vizepräsidentin, heute bin ich Präsidentin.

Der Unterschied? Früher war ich nur bei Sitzungen und bei juristischen oder wirtschaftlichen Fragen dabei. Heute bin ich deutlich mehr im Einsatz.
Ich gehe auf die Menschen zu, spreche mit Mitarbeiter:innen, höre zu. Ich bin in das tägliche Leben der Organisation sehr stark eingebunden, und manchmal denke ich mir: Viele der operativen Angelegenheiten gehören eigentlich nicht zu deiner Rolle – aber ich kann eben nicht aus meiner Haut …

Wir BestAger:

Wie viel Zeit investieren Sie in diese Tätigkeit?

Domschitz:

Etwa im Umfang eines Halbtagsjobs. Es macht mir Freude, und ich finde es sinnvoll. Besonders berührend finde ich die Arbeit mit unseren freiwilligen Mitarbeiter:innen – das war für mich neu.

In Wien haben wir etwa 1.700 hauptberufliche und 2.500 freiwillige Kräfte. Menschen, die neben Beruf, Familie und Privatleben noch Zeit und Energie für das Rote Kreuz aufbringen – das verdient höchsten Respekt.

Wir BestAger:

Was sind Ihre zentralen Aufgaben als Präsidentin?

Domschitz:

Ich sehe meine Rolle vor allem strategisch: Wo stehen wir? Wohin wollen wir?
Wie gewinnen wir neue Freiwillige – insbesondere in einer Stadt wie Wien, wo das Freizeitangebot groß ist?
Wir setzen verstärkt auch auf ältere Engagierte, zum Beispiel als Lern- oder Lesepartner:innen für Kinder. Das ist eine wunderbare Aufgabe – ich habe selbst schon vorgelesen und war begeistert von der Begegnung mit den Kindern.

Wir BestAger:

Was würden Sie Menschen 60Plus mitgeben, die über ein Ehrenamt nachdenken, aber noch zögern?

Domschitz:

Wenn man sein Leben lang gearbeitet hat, bringt man Erfahrung und Wissen mit – und das kann man weitergeben.
Das ist nicht nur ein Gewinn für die Organisation, sondern auch persönlich erfüllend. Ich schätze es sehr, wenn junge Kolleg:innen sagen: „Das ist ein guter Vorschlag.“ Und es tut gut zu spüren, dass man gebraucht wird – als Gesprächspartnerin, als Vorbild, als Mentorin.

Präsidentin Wiener Rotes Kreuz

2. Neues Altersbild, Aktivität, Diskriminierung

Wir BestAger:

Was bedeutet für Sie persönlich ein gutes Altern?

Domschitz:

Körperlich gesund zu bleiben ist natürlich ein Teil – aber für mich ist geistige und soziale Aktivität genauso wichtig.
Ich möchte mit Menschen unterschiedlicher Generationen im Austausch bleiben, neue Perspektiven kennenlernen. Wer sich nur mit Gleichaltrigen umgibt, lebt in einer Blase. Ich will wissen, wie junge Leute denken, was sie bewegt. Das hält mich wach – und das wünsche ich mir auch für die nächsten Jahrzehnte.

Wir BestAger:

Menschen 50+ werden am Arbeitsmarkt oft ausgegrenzt. Was müsste sich Ihrer Meinung nach ändern?

Domschitz:

Da braucht es großes Umdenken – auf mehreren Ebenen.
Unternehmen müssen erkennen, wie wertvoll Erfahrung ist. Gleichzeitig verändert sich die Arbeitswelt: Heute übernehmen viele schon mit 35 Führungsverantwortung. Nach zehn, fünfzehn Jahren braucht es oft eine neue Perspektive – nicht die Frühpension, sondern eine Weiterentwicklung. Warum nicht eine Expertenrolle schaffen? Mentoring, Wissensmanagement, strategische Beratung? So bleibt das Know-how erhalten, und beide Seiten gewinnen.

Wir BestAger:

Wie kann man dieses Wissen sinnvoll einbringen – auch nach dem offiziellen Berufsleben?

Domschitz:

Indem man bewusst Strukturen schafft, wo Erfahrung geschätzt wird.
Menschen sind oft bereit, mit weniger Gehalt weiterzuarbeiten, wenn sie sinnvoll eingebunden sind. Vielleicht würden sie eine weitere Urlaubswoche mehr schätzen.

Aber auch die Politik ist gefordert: Derzeit wird man für Weiterarbeit nach der Pension manchmal eher bestraft als unterstützt. Wir müssen lernen, die Lebensarbeitszeit flexibler zu denken – und wertschätzender.

3. Gesellschaftliche Verantwortung, Netzwerken

Wir BestAger:

Sie engagieren sich gesellschaftlich sehr stark. Was motiviert Sie dazu?

Domschitz:

Wir, die Babyboomer-Generation, haben viel Glück gehabt.
Es ist uns vergleichsweise gut gegangen – das bringt Verantwortung mit sich. Ich finde, wer kann, sollte etwas zurückgeben. Gerade in Österreich, gerade jetzt. Es gibt Menschen, die Hilfe brauchen – und ich möchte nicht einfach sagen: „Hauptsache, mir geht’s gut.“

Wir BestAger:

Wie stehen Sie zum Thema Netzwerken – gerade für Frauen und ältere Menschen?

Domschitz:

Netzwerke sind wichtig – aber Frauen tun sich da oft schwerer. Sie nutzen Netzwerke nicht so selbstverständlich wie Männer, trauen sich weniger zu, stellen ihr Können seltener in den Vordergrund.

Ich habe das in meiner Zeit im HR-Bereich oft erlebt: Eine Frau erfüllt neun von zehn Anforderungen einer Ausschreibung und sagt, das reicht nicht. Ein Mann erfüllt drei und bewirbt sich.
Wir müssen Frauen mehr Mut machen, sich zu zeigen. Und Netzwerke aktiv zu nützen.

4. Inspiration, Ehrenamt & Abschluß

Wir BestAger:

Sie haben selbst eine Position erreicht, die für Frauen in Österreich noch immer selten ist. Was hat Ihnen geholfen?

Domschitz:

Ich hatte gute Mentoren und habe irgendwann selbst gedacht: „Ich trau mir den nächsten Schritt zu.“
Ich war mutig, manchmal vielleicht zu schnell, aber immer neugierig und lösungsorientiert. Und ich habe selbst immer wieder Frauen unterstützt, die etwas bewegen wollten, sich aber zu wenig zugetraut haben. Da will ich auch weiter ansetzen – mit Ermutigung und mit offenem Ohr.

Wir BestAger:

Was gibt Ihnen heute – neben Ihrer Tätigkeit beim Roten Kreuz – Freude und Sinn?

Domschitz:

Ich bin seit fast 40 Jahren verheiratet – mein Mann hat meine Karriere immer unterstützt, das war ein großes Glück. Wir reisen viel, unternehmen gerne etwas, haben einen Freundeskreis, der bunt und lebendig ist. Wir diskutieren, streiten manchmal, lachen viel. Das hält mich geistig wach

Ich habe auch mit Italienisch begonnen, tanze gerne – und genieße es, dass ich morgens nicht hetzen muss. Aber stillstehen liegt mir nicht.

Wir BestAger:

Frau Dr. Domschitz, Sie sind ein großartiges Vorbild für gesellschaftliches Engagement. Können wir als Plattform Wir BestAger das Wiener Rote Kreuz unterstützen – etwa durch einen Beitrag zum Thema Ehrenamt?

Domschitz:

Sehr gerne. Es gibt so viele Möglichkeiten, sich bei uns einzubringen – auch für Menschen 60Plus.

Wer regelmäßig aktiv sein möchte, kann als Lesepatin oder Lernpartner:in Kinder unterstützen, die sich keine Nachhilfe leisten können. Wer lieber punktuell hilft, kann sich bei Berufsmessen oder Besuchsdiensten engagieren oder bei der Essensausgabe mithelfen.
Wir bieten außerdem Bewegungsangebote in unseren Bezirksstellen – dort kann man mitmachen oder selbst eine Gruppe leiten. Auch unsere Senior:innenrunden freuen sich über neue Teilnehmer:innen – oder über Menschen, die sie betreuen möchten.
Ich sende Ihnen Unterlagen über alle Möglichkeiten, sich bei uns einzubringen, zu.

Wir BestAger:

Sehr gerne – Wir BestAger freut sich auf die Kooperation und trägt gerne dazu bei, neue freiwillige Helfer:innen für das Wiener Rote Kreuz zu gewinnen.

Wir haben einen Beitrag mit allen Informationen zum Thema Ehrenamt Beim WRK veröffentlicht und bleiben in Kontakt: Ehrenamt beim WRK

Liebe Frau Dr. Domschitz, herzlichen Dank für das angenehme Gespräch und Ihre Zeit.

Es zeigt einmal mehr: Ruhestand ist kein Rückzug – sondern eine Chance, Gesellschaft mitzugestalten. Alles Gute weiterhin für Sie und Ihre Arbeit – und hoffentlich bis bald!

5. Portrait Dr. Gabriele Domschitz

Über Dr. Gabriele Domschitz
Juristin, Managerin, Impulsgeberin für Engagement 60Plus

Dr. Gabriele Domschitz zählt zu den profiliertesten Managerinnen im öffentlichen Sektor Österreichs.

Die promovierte Juristin begann ihre Karriere 1983 im Bundesministerium für öffentliche Wirtschaft und Verkehr und übernahm dort rasch Führungsverantwortung in der Zivilluftfahrt. Nach leitenden Positionen im Personalmanagement der Austro Control wechselte sie 2009 in den Vorstand der Wiener Stadtwerke Holding AG, wo sie bis zu ihrer Pensionierung für die Wiener Linien und die Personalagenden des gesamten Konzerns verantwortlich war.

Seit 2020 ist Domschitz Präsidentin des Wiener Roten Kreuzes und wurde 2024 für weitere vier Jahre wiedergewählt. Sie steht für verantwortungsvolles Management, gesellschaftliches Engagement und die Förderung ehrenamtlicher Arbeit.

Mehr erstklassige Infos zu BestAger Themen?

Dein Vorteil:
Vier hochwertige Beiträge pro Monat zu Themen, die uns BestAger beschäftigen
Infos zu neuen Produkten und Leistungen am Marktplatz
spezielle Angebote exklusiv für unsere Community
wertvolle Ratgeber zum kostenlosen Download

Mag. Ulrike Ischler
Latest posts by Mag. Ulrike Ischler (see all)

Kategorien

Archiv

 

Unternehmen vorgestellt

Beitrag Teilen

JETZT anmelden

Melde dich für unseren Newsletter an und verpasse keine Beiträge, spannenden Interviews, gratis Ratgeber,  Einladungen zu Netzwerktreffen und hochwertigen Angebote – ganz speziell für unsere Wir BestAger Community.